3. Trucker- und Country-Festival in Kronach
Kronach – Die Qualifikation des Berufskraftfahrers erhielt in den vergangenen Jahren eine kontinuierliche Aufwertung bis hin zur qualifizierten Fachkraft. Aber bei vielen Bereichen der Wirtschaft und bei weiten Teilen der Bevölkerung fehlt die entsprechende Wertschätzung.
Ohne die anstrengende und von vielen äußeren Zwängen geprägte Arbeit der Kapitäne der Landstraße würde unsere gesamte Wirtschaft still stehen. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Treibstoffen würde nicht funktionieren. „Ohne den Frachthandel steht unser Land still“, machte Michael Lang (Verkehrspolizei Coburg) deutlich. Jeder Verkehrsteilnehmer sollte sich klar machen, wie sehr wir alle von der Arbeit der Berufskraftfahrer abhängen gerade bei der täglichen Versorgung, wünschte er sich mehr Rücksicht seitens der Pkw-Fahrer.
Wir seien die Opfer unseres Verbraucherverhaltens, zeigte Thomas Böhm (Leiter der hauseigenen Fahrschule und Ausbildungsstelle von Söllner) Probleme auf: Just in time, 24-Stunden-Lieferservice – alles müssten die Berufskraftfahrer ausbaden. Die französischen und italienischen Kollegen machten durch drastische Maßnahmen immer wieder auf ihre Probleme aufmerksam. Notfalls müssten auch einmal die deutschen Lkw-Fahrer zeigen, dass ohne sie in unserem Land gar nichts mehr läuft.
Dabei ging es für die Brummifahrer viele Jahre bergauf. Das Jahr 1974 – die Arbeitslosenquote lag damals in Deutschland bei 2,5 Prozent – brachte für die Brummifahrer ein wesentliches Ereignis: aus den „Hilfsarbeitern mit Führerschein“ wurden „Berufskraftfahrer“, erinnerte Wolfgang Jagla (Berufskraftfahrerqualifikation ProNiWo, Michelau). Im Jahr 1990 – die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent – ging es den Berufskraftfahrern noch gut. Ein Fahrer konnte allein seine Familie ernähren. Ein Jahr später veränderte die europäische Fahrerlaubnisverordnung vieles, die Arbeitslosenquote lag schon bei 11,7 Prozent. Die Zukunftsängste auch der Berufskraftfahrer wuchsen.
Während der Beruf immer anerkannter wurde entwickelten sich Löhne und Umfeld in die Gegenrichtung.
Im Jahr 2001 machte die neue Berufskraftfahrerausbildungsverordnung die Berufskraftfahrer zu qualifizierten Fachkräften auf hohem Bildungsniveau. Heute gelte das vor drei Jahren eingeführte Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz. Auf der Straße wehre sich das Fahrpersonal vehement gegen diese Weiterbildung. „Ich fahre schon 30 Jahre, wozu brauche ich das?“, sei oft zu hören. Trinkwalter sah aber eine große Chance in diesem Gesetz.
„Ich kann die Fahrer verstehen“, betonte Thomas Böhm (Firma Söllner). Das Gesetz selbst sei gut, aber die nationale Umsetzung habe zu Fehlentwicklungen geführt. Ausbildungsstätten und Fahrschulen wurde eine Maschine zum Gelddrucken gegeben. Ausbilder brauchten selber nicht Berufskraftfahrer gewesen zu sein. Viele die nie eine Kontrolle erlebten können nun ausbilden. Viele wissen nicht von was sie reden. Kein Wunder dass viele Fahrer dann das Gefühl haben ihr Geld hinausgeworfen zu haben. Diese Rückmeldung sei keine Seltenheit. Selbst in unserer Region seien viele schwarze Schafe aufgetaucht. Der Sinn des Gesetzes sah vor, dass Ausbilder selbst Berufskraftfahrer mit Erfahrung sein müssten.
Viele Beteiligte haben zum jetzigen Desaster beigetragen, meinte Wolfgang Jagla. Der ADAC wäre gut beraten gewesen, wenn er neben den Preisen auch die Qualität der Fahrschulen bewertet hätte.
„Wir können auf der Straße nicht mehr wie in vergangenen Jahren kontrollieren“, erläuterte Gerhard Trinkwalter. Die Gewerbeaufsicht sei nur noch zuständig in den Betrieben und könne dort Unterlagen überprüfen. Jetzt seien die Mengen an Daten kaum noch zu überprüfen, müsse man ehrlich sagen. Immer weniger Personal soll immer mehr Schaublätter kontrollieren. „Das ist in der Praxis oft nicht möglich.“
Es gebe aber auch sehr engagierte Fahrlehrer, zeigte Michael Lang (Polizei) auf. In Lichtenfels habe ein Fahrlehrer gebeten, öfter bei der Polizei mitfahren zu dürfen um praktisch zu erleben, worauf es in der Realität ankommt. Auch bei Kontrolleuren sei viel gesunder Menschenverstand gefragt.
Früher hatten Fernfahrer einen guten Verdienst und waren im Zweimannbetrieb unterwegs, betonte Wolfgang Jagla. Jetzt mutierte das Bild des Berufskraftfahrers durch „Geiz ist geil“ und „Just in time Outsorcing“, aber die Fahrer werden auch zum Lader, Disponent und mehr. Die Industrie spare beim Verladepersonal und dessen Qualität. Auch das Einkommen der Kraftfahrer sank.
Keiner würde seinem Kind raten, Fahrer zu werden, zeigte eine Befragung beim Fernfahrer-Frühschoppen. Und doch gibt es junge Leute, die diesen Beruf anstreben. Warum etwa will Christoph Seuß Berufskraftfahrer werden: „Weil ohne die Fernfahrer nichts geht“, will er einfach einen sinnvollen Beruf, der wichtig ist. Schon mehrere Generationen vor ihm steigen ins Führerhaus eines Lkw. „Man kommt herum in der Welt“, zeigte der junge Raffael einen weiteren Grund auf. Die meisten Berufskraftfahrer gingen mit Leidenschaft ihrem Beruf nach, machte Fernfahrer-Seelsorger Norbert Jungkunz von der Betriebsseelsorge des Erzbistums Bamberg deutlich. Zunehmend würden junge Berufskraftfahrer gesucht. „Ich sehe den Beruf des Kraftfahrers als eine Chance. Der Zulauf in den Berufsschulen Kulmbach und Roth bei Nürnberg steigt“, bekräftigte Gerhard trinkwalter. „Die Zeit für eine Aufbruchstimmung ist gut.“
Kurz notiert beim Truckertreffen in Kronach
- Berufskraftfahrer wünschen sich mehr Verständnis oder Rücksicht seitens der anderen Verkehrsteilnehmer, die sich beispielsweise nicht noch schnell hinten vorbei quetschen sollten oder beim Rückwärtsfahren des Lkw zu dicht auffahren.
- Ein Fernfahrer meinte: „Wir sind die Trottel der Nation.“ Selbst viele Lagerarbeiter führten sich gegenüber Fahrern als „Chef“ auf.
- Ein Beruf soll Sinn geben und nicht das Leben kosten, meinte Fernfahrer-Seelsorger Norbert Jungkunz.
- Einige Fernfahrer fragten, warum Fahrer und Speditionen bestraft würden, wenn gerade einige Discounter Gesetzesverstöße verursachten.
Fernfahrer-Gottesdienst beim 3. Kronacher Truckertreffen
„Ich muss weg“, unter diesem Satz stand der Fernfahrer-Gottesdienst beim 3. Kronacher Truckertreffen. Dieser Satz sei auf den Rastplätzen immer wieder zu hören, betonte Fernfahrer-Seelsorger Norbert Jungkunz.
Abschiedssituationen gehörten zum Alltag der Fernfahrer. Wer unterwegs sei gehe ein Wagnis ein. Bei den Fahrern gebe es viel Einzelkämpfertum. Um den Parkplatz, um die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten, gegen Vorurteile und Unverständnis.
„Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch dieselbe haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt“, zitierte Jungkunz aus einem Brief an die Hebräer. Jeder wünsche sich offene Orte der Gastfreundschaft.
