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Arbeitslose Kunst - Ausstellung in der Nürnberger Villa Leon bis 8. April

Datum:
Veröffentlicht: 20.4.15
Von:
Ulrike Pilz-Dertwinkel

Ausstellung in der Nürnberger Villa Leon bis 8. April

Völlig unterschiedliche Kunstwerke erwarten den Betrachter in der Ausstellung „Arbeitslose Kunst – von außen nach innen, von innen nach außen oder was auch immer…“ in der Villa Leon. Ein altmodischer Schreibtisch mit zwei Pappmaché-Figuren zeigt eine Bewerbungssituation; ein Kopf auf übereinander gestapelten Schraubzwingen titelt „Der Zwang“, Tonköpfe, Gliederpuppen, Fotoarbeiten, eine Sozialmauer mit Mut machenden Sprüchen – es ist eine bunte Palette, die im Rahmen des Kunstprojekts entstanden ist, das Martina Beckhäuser vom Ökumenischen Arbeitslosenzentrum Nürnberg (ÖAZ) vor zweieinhalb Jahren gestartet hat. Geschaffen wurden sie von Arbeitslosen, die dort betreut werden. Das Vernissage- Publikum war beeindruckt – ob der Werke, der Künstler, ihrer Botschaften. Schon am Eröffnungsabend fanden einige Exponate einen neuen Besitzer – alle Kunstwerke stehen nämlich zum Verkauf.

Einblicke

Jedes Kunstwerk transportiert eine Botschaft. Es drückt aus, was sein Schöpfer empfindet, denkt, fühlt, gibt Einblicke in Lebenssituationen, formuliert es Stadtdekan Hubertus Förster in seinem Grußwort. Ein Kunstwerk eröffne neue Sichtweisen von etwas, das man kennt, meint Bernd Eckardt vom ÖAZ. Bei den Exponaten von Ayse Langen, die seit elf Jahren in Deutschland lebt, merkt man deutlich, was sie in ihrer Arbeitslosigkeit

bewegt. Solche Lebenssituationen könnten einen Menschen

tief verletzen, sagt die gebürtige Türkin, eine ausgebildete Künstlerin, die früher in Istanbul ihre Werke ausgestellt hat. Eine dunkle Pappmaché-Gestalt dreht den Kopf weg, bedeckt mit der Hand ihr Gesicht. „Sich schämen“ – so der Titel. Die beiden Figuren in der Bewerbungs - darstellung schauen aneinander

vorbei, verdeutlichen die Positionen, die sie in der Gesellschaft

haben. Mit vier verschieden gestalteten Armen hat die Künstlerin die Skulptur „4 Facetten“ ausgestattet, einer ist ganz dürr. Es sei

keine Luft zum Atmen da, erklärt sie, die Hoffnung begraben –

doch der Kopf mit goldener Verbrämung wirkt edel; er könnte leben – wenn man ihn ließe… so Langen ernst. „Man soll nicht alle Arbeitslosen über einen Kamm scheren“, hat sie auf ihre „Sozialmauer“ geschrieben, weil man nie wisse, welches Schicksal sich dahinter verberge. Leidensgefährten ermuntert sie hier aber „fröhlich wie ein Optimist“ zu sein und „jeden Morgen neu an den Start“ zu gehen. Nachdenklich stimmt die Installation „Leben auf engstem Raum“. Brigitte Schulz hat liebevoll ein Mini-Zuhause geschaffen – mit kleinem Sofa, gedecktem Tisch, Bücherregal; Kaffeekanne und Tassen sind wie die Heiligenfigur golden – Zeichen, wie kostbar Heimat ist, ein Platz zum Wohnen – und sei er noch so klein. Die 63jährige Künstlerin hat viele armselige Schicksale in ihrem Umfeld erlebt, auch sie selbst weiß, was es heißt, mittellos zu sein. Kunst hat sie früh als ihr Medium entdeckt, Sehnsüchte und Empfindungen kreativ zu verarbeiten. „Fantasie entfaltet sich im Gestaltungsprozess“, verrät die Autodidaktin. Zufällig bekam Brigitte Rosner, „Rosnero“, auf einem Flohmarkt eine Gliederpuppe in die Hand, die sie dann als Möglichkeit entdeckte, menschliche Lebensszenen nachzubilden. 60 solcher detailverliebt gestalteten Püppchen sind in einer Vitrine zu sehen. Rosnero nutzt sie aber auch als Hauptdarsteller aussagekräftiger Digitalfotos und Malereien. Ohne Menschen kommt Klaus Weigel bei seinen Fotoarbeiten aus. Die Titel sind allesamt Musikstücken entnommen „Turn out the Light“ hat er unter die Aufnahme eines geschlossenen Nürnberger Supermarkts geschrieben. Tatsächlich kam er dorthin, als die Arbeiter mit dem Aufräumen fertig waren und das Licht löschten. Eine Songzeile der „Doors“ „This is the end, my only friend, the end“ steht unter der Abbildung einer leeren AEGFabrikhalle. Die Buchstaben des Firmennamens wurden vom Dach abmontiert, stehen irgendwie trostlos an der Wand. „Ich sehe Motive, in meinem Kopf mache ich mir Gedanken und dann höre ich die Lieder“, versucht der frühere Konstrukteur,

der immer schon gerne fotografierte, den Zusammenhang zu erläutern. Als Martina Beckhäuser 2012 das Kunstprojekt anschob, wollte sie damit arbeitslosen Menschen, die keine Perspektive mehr sehen, Vorurteile, Ausgrenzung und Ohnmacht erlebt haben, eine kreative Möglichkeit der Auseinandersetzung mit ihrer spezifischen Situation verschaffen – mit dem Ziel, den inneren Rückzug zu stoppen und ihnen Mut zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt zu machen. Zwar hat man das Konzept von der ursprünglichen Vision einer gemeinsam zu schaffenden Riesenskulptur hin zu individuell gestalteten persönlichen Kunstwerken abgeändert, das Ergebnis des ÖAZ-Kunstprojekts ist jedoch unbedingt als Erfolg zu bewerten. Die Arbeiten seien hervorragend gelungen, lobt Stadträtin Gabriele Penzkofer-Röhrl. Dass mit der Villa Leon ein öffentlicher Kunstraum für die Exponate gefunden werden konnte, findet sie sehr gut. Den Künstlern wünscht die SPD-Politikerin Anerkennung und Lob für ihre Werke sowie Mut, diesen Weg weiter zu gehen.

Ob „Arbeitslose Kunst“ sich von Kunst unterscheidet, ob Kunst überhaupt arbeitslos sein kann, wie diese Kunst sich darstellt und anfühlt – Besucher sind eingeladen, auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Die Ausstellung ist bis 8. April in der Villa Leon,

Philipp-Koerber-Weg 1,

90439 Nürnberg zu sehen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 – 17 Uhr, Sonntag während der Veranstaltungen.

 

Quelle: Heinrichsblatt Nr. 8 vom 22. Februar 2015