Arbeitslosenberaterin Dagmar van der Heusen

Beruflicher Neuanfang auf vertrautem Gebiet
Nach genau 30 Jahren und einem Monat fängt Dagmar van der Heusen noch einmal neu an. Die Sozialpädagogin ist Anfang Mai vom Ökumenischen Arbeitslosenzentrum (ÖAZ) Nürnberg zur Arbeitnehmerpastoral in Erlangen gewechselt. Doch ist es ein Neuanfang auf vertrautem Gebiet: Mit einer halben Stelle wird die 59-Jährige in der Nachbarstadt das machen, was bereits ihr bisheriges Berufsleben geprägt hat: Menschen beraten, die keinen Job haben – und jene, die zwar in Beschäftigung, aber von Existenznöten geplagt sind.
Das ÖAZ ist eine kirchliche Beratungsstelle für arbeitslose und von Erwerbslosigkeit bedrohte Menschen. Träger sind die Katholische Stadtkirche, die Betriebsseelsorge der Erzdiözese, das evangelische Dekanat und die Stadtmission. Die Stadt Nürnberg fördert die Einrichtung, die neben Veranstaltungen auch Einzelberatungen etwa zu rechtlichen Fragen sowie Unterstützung bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit anbietet.
Lohn reicht nicht zum Leben
Als Dagmar van der Heusen 1991 beim Ökumenischen Arbeitslosenzentrum anfing, war dieses eine klassische Beratungsstelle für Erwerbslose, die Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bezogen. „Heute beraten wir auch Menschen, die Arbeit haben“, sagt sie. Menschen, deren Existenz nicht gesichert ist, die in Niedriglohngruppen beschäftigt sind und zusätzlich Hartz IV beziehen, um über die Runden zu kommen. „Viele sind Aufstocker, viele haben Minijobs“, sagt die Sozialpädagogin.
Gerade in Coronazeiten geraten diese Menschen schnell in existenzbedrohliche Situationen. Denn Kurzarbeitergeld gibt es nur für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Dagmar van der Heusen hat viel mit Menschen zu tun, die sparsam leben müssen, in schlechten Wohnverhältnissen. Sie kennt alleinerziehende Mütter, die mit dem 16-jährigen Sohn und der fünfjährigen Tochter in einem Einzimmerappartement lebt, im Haushalt gibt es gerade ein internetfähiges Mobiltelefon, aber keinen Computer. Man sitzt sich auf der Pelle, für den Sohn ist das Homeschooling kaum zu leisten, und in der ersten Coronazeit waren auch noch die Spielplätze gesperrt. Solche Familien haben unter der Pandemie besonders stark zu leiden, weit über die berufliche Situation der Mutter hinaus. „Das ist nicht die Regel, aber das gibt es“, schildert van der Heusen.
Was kann sie für die Menschen tun, die sie um Rat bitten? Vor allem die amtsdeutschen Bescheide erklären („Die sind schwierig zu lesen“) und drängende Fragen beantworten, etwa warum man die Kontoauszüge der letzten drei Monate vorlegen muss oder die Miete nur anteilig erhält. Was mit Schulden ist, mit Kreditvereinbarungen, die man nicht mehr erfüllen kann. „Es ist ein außergewöhnlicher Druck, der auf den Menschen lastet“, weiß die Sozialpädagogin. Die Angst, die eigene Wohnung zu verlieren. Einer Behörde gegenüberzustehen, die ihre eigenen Regeln hat, wo die Stapel von oben nach unten abgearbeitet werden, wo es heißt: „Sie müssen warten.“ Der Vermieter wartet nicht mit seinen Nachzahlungsforderungen.
Dagmar van der Heusen stammt aus dem oberbayerischen Burggen, unweit der Wieskirche. Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, hat das Thema Erwerbslosigkeit schon daheim kennengelernt („Wir mussten sparsam leben“). Das hat ihr später im Beruf sehr geholfen, „ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich die Sprache der Menschen spreche, dass ich weiß, wovon ich rede“. Sie war dann die erste ihrer Familie, die studierte, nach dem Hauptschulabschluss folgten Berufsfachschule, mittlere Reife, Studium in München. Dann die erste Stelle – beim ÖAZ. In Teilzeit, ideal mit zwei kleinen Kindern. „Für mich war das ein großes Glück“, sagt van der Heusen. Da wurden Besprechungen auf den Vormittag verlegt, weil sie nachmittags die Kinder versorgte.
Die Tätigkeit hat sich gewandelt in den dreißig Jahren, weil sich die äußeren Umstände gewandelt haben. Anfangs gab es viel Gruppen- und Seminararbeit, das Nürnberger Arbeitslosenzentrum war ein Ort, wo man tagsüber hingehen, sich sehen und austauschen konnte. „Das ist weniger geworden“, bilanziert die Beraterin. Heute fallen die unter 50-Jährigen nach maximal einem Jahr Arbeitslosigkeit in Hartz IV, egal, was sie vorher verdient haben. Durch das Prinzip „Fördern und fordern“ sind die Betroffenen heute viel mehr damit beschäftigt, Unterlagen zu beschaffen, als Kontakte zu pflegen und Netzwerke zu knüpfen, um wieder in Arbeit zu gelangen.
Die Angst am Telefon
Dagmar van der Heusen sieht sich vor allem als kirchliche Mitarbeiterin, die in der Beratung vor allem den Menschen sehen will, den Menschen am Rande. Sie nimmt Anteil, spürt in den Monaten der Pandemie die „Angst am Telefon“. Menschen, die ohne Arbeit und ganz allein seien, kämen neben der Existenzsicherung noch in ganz andere Nöte: „Corona ist ein Brennglas der Gesellschaft.“ Die Menschen haben viele öffentliche Einrichtungen genutzt, um ihren Tag zu strukturieren, „das ist jetzt alles weggefallen“. Die freie Zeit ist eine leere Zeit geworden, dazu sollen die Menschen nicht rausgehen, sondern zu Hause bleiben. Doch zu Hause ist höchstens ein Schlafplatz, aber kein Nest.
„Wir können keine Lösungen anbieten, aber wir können Kontakt halten“: Die 59-Jährige hat mit Menschen zu tun, mit denen sie ausgemacht hat, jede Woche einmal zu telefonieren. Und erfährt dann, dass sie der einzige Kontakt war. Niemand sonst.
In Erlangen werden die Probleme nicht wesentlich anders sein als in Nürnberg. Jedenfalls wollte Dagmar van der Heusen „raus aus der Komfortzone“, wie sie sagt, und noch einmal etwas Neues ausprobieren. Da passte es, dass der langjährige Berater Bernd Schnackig in den Ruhestand geht. Dagmar van der Heusen, deren Tochter mit den Enkeln in Erlangen lebt, bringt einige Ideen mit, würde nach Corona wieder gerne mehr in Gruppenarbeit machen, „weil ich weiß, das brauchen die Menschen“.