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„Auch Arbeitszeit ist Lebenszeit“

Fahrernfahrer 2020
Datum:
Veröffentlicht: 15.2.20
Von:
Rainer Glissnik

Gesundheitsvorsorge: Sport und gesunde Ernährung für die einen, Schweres Tragen für die anderen

Lichtenfels – Gesundheitsförderung auch auf der Straße wird weithin viel zu wenig geschätzt, wurde beim Fernfahrerstammtisch der Fernfahrerseelsorge im Erzbistum Bamberg in der Lichtenfelser Gaststätte „Wallachei“ deutlich. „Die Gesundheitsförderung im Betrieb wird dabei immer wichtiger, weil der Durchschnitt der Beschäftigten auch immer älter wird“, betonte Pastoralreferent und Fernfahrerseelsorger Norbert Jungkunz. Arbeitszeit ist Lebenszeit, das Leben macht keine Überstunden. Jeder ist für sein Leben verantwortlich und auch für die Zeit hinter dem Lenkrad.

„Hier fährt ein Mensch. Seine Würde ist uns heilig.“ Der Inhaber der Bad Staffelsteiner Firma CS-Trans Christian Schad (Grundfeld) ermöglicht der Fernfahrerseelsorge mit einer von ihm gestifteten Plane auf einem seiner Auflieger eine auch ihm sehr bedeutsame Botschaft auf die Straßen zu bringen. Dabei auch Werbung zu machen für die Arbeit der Fernfahrerseelsorge und für die „Fahrerbibel on Tour“.

Diese Aussage hat mit dem christlichen Menschenbild zu tun, ist aber zugleich eine politische Aussage, betonte Norbert Jungkunz. Es erinnert, dass in jedem Lkw ein Fahrer oder eine Fahrerin sitzt und hier ein Mensch fährt. Natürlich gäbe es ein Klagerecht, aber die meisten scheuten davor zurück.

Gerade zu Jahresbeginn wünschen wir einander Gesundheit betonte Pastoralreferent Norbert Jungkunz. Es ist gut, dass es sechs Wochen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt – zumindest fast immer. Leider komme es immer wieder einmal vor, dass einer nach drei Wochen Arbeit seine Beschäftigung verliert. Bei den Spediteuren gebe es viele kleine Betriebe, in denen Gesundheitsvorsorge kaum stattfindet. Aushilfsfahrer und selbstständige Fahrer werden kaum erreicht. Arbeitsplätze die ständig unterwegs sind und dauernd den Ort verändern sind zudem kaum erreichbar und werden nicht von der Gesundheitsvorbeugung erreicht. In dieser Hinsicht ist der Fahrerberuf prekär und der Gesundheitsschutz kaum entwickelt.

SÜC-Betriebsratsvorsitzender Michael Blümlein zeigte auf, wie es schon richtig vorbildlich sein kann. Es werden den Beschäftigten der Städtischen Werke, Überlandwerke Coburg günstige Angebote bei Fitnessstudios angeboten. Gemeinsam mit der Krankenkasse werden verschiedenste Kurse angeboten. Im Rahmen des Betriebssports dürfen die Beschäftigten das Schwimmbad nutzen. Kochkurse zu vernünftiger Ernährung finden statt. In der Mitarbeiterkantine gibt es kostenloses Obst und kostenloses Wasser. Kaum einer der anderen Anwesenden kannte so etwas. „Dies zeigt, was unter betrieblicher Gesundheitsförderung möglich ist“, betonte Norbert Jungkunz.

Auch bei einer anderen Firma gibt es derartige „Gesundheitsförderung“, sagte ein anderer Trucker: „Unsere Fahrer dürfen schwere Lasten tragen und ähnliches“, meinte ein anderer Fahrer wohl eher scherzhaft, aber auch nachdenklich.

Von der AOK hatte Norbert Jungkunz zahlreiche Kalender mit praktikablen Gesundheitstipps bekommen, die begeisterten Absatz fanden. Auch für Fernfahrer finden sich viele Gesundheitsimpulse. Einige Fahrer haben Kurse wie Ernährungsberatung schon wahrgenommen, zeigte sich. „Man kann natürlich immer selber etwas für sich tun.“

Grundsätzlich sollten die Arbeitgeber die psychischen Belastungen prüfen, was aber nur sehr selten geschehe, meinte Alexander Fritsch vom Gewerbeaufsichtsamt. Berufskraftfahrer müssen zur Führerscheinverlängerung alle fünf Jahre eine Eignungsuntersuchung und eine Untersuchung beim Augenarzt absolvieren. Dies kann ein Betriebsarzt durchführen, den es aber nur selten gibt, aber auch der Hausarzt. Bei den Anwesenden in Lichtenfels zahlte diese zu zwei Dritteln der Chef, ein Drittel zahlte selbst.

„Für das was ihr leistet müsst ihr das auch noch zahlen“, zeigte sich Norbert Jungkunz entsetzt. Insgesamt sind dies 180 Euro. „Es ist ungerecht dass ich auch noch bezahlen muss, dass ich arbeiten darf“, meinte eine Frau. „Mein Chef ist froh, dass er mich hat. Der zahlt dies“, konnte ein Fernfahrer sagen. „Der Fehler ist schon im Gesetz: Die Verpflichtung wurde festgelegt, aber nicht wer dies bezahlen muss“, betonte ein Busfahrer. Bei Arbeitslosen übernehmen die Agenturen die Kosten.

„Also: Jeder kämpft für sich?“ Jeder und jede sollte in einer Gewerkschaft sein, rief ein Fahrer auf. Seit einem halben Jahr ist er Mitglied. „Die vertreten dich und informieren dich. Geht einfach hin!“ Die Landwirte zeigen wie es geht, für seine Interessen einzutreten, stellte er voller Respekt fest. „Wenn man in der Gewerkschaft ist, wird einem geholfen.“ Er erlebte Hilfe bei der Anerkennung einer Schwerbehinderung.

„Der Wind ist ein anderer. Fahrer werden gesucht. Die politische Macht an dieser Stelle verschiebt sich.“ Verdi-Bezirksvorsitzender Harald Kober appellierte, bei der Gewerkschaft mitzumachen. Auch wenn ich der einzige im Betrieb bin, kann dieser etwas bewirken. Der europaweite Mindestlohn und anderes, bei allem sind Gewerkschaften dabei. Nur wenn möglichst viele zusammen die Gewerkschaften unterstützen wird sich etwas zugunsten der Fahrer verbessern. Die Billigkonkurrenz verlangt nach einem europaweiten Mindestlohn, der überprüft wird. Umso mehr müssten Unternehmer und Fahrer sich zusammen tun.

Diskutiert wurde über die Arbeitszeiten und die verschiedenen Arten der Registrierung. Die Konkurrenz zu billigen Anbietern mit Niedriglöhnern aus anderen Ländern am Steuer. Die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber ist ziemlich groß. Manchmal geht dies zu weit. Yvonne Langguth von der Gewerbeaufsicht hatte hier einiges zu sagen.

„Wir müssen Arbeit mehr wertschätzen“

Die katholische Betriebsseelsorge kümmert sich seit 30 Jahren um Fernfahrerinnen und Fernfahrer, erklärte Pastoralreferent und Fernfahrerseelsorger Norbert Jungkunz. Zunächst mit Speditionen und ÖTV gemeinsam fing dies mit Wochenenden für Paare an. „Weil die Arbeitsbedingungen immer prekärer wurden haben wir in der Betriebsseelsorge entschieden, für die Fernfahrerinnen und Fernfahrer eine eigene Arbeitsgruppe Kirche für Fernfahrer zu bilden.“

Es ergab sich, auf Rastplätze zu gehen und zu Stammtischen mit Polizei und Gewerbeaufsicht. Auch mit ausländischen Fahrern werden mittlerweile Veranstaltungen durchgeführt. Auch an Aktionen des DGB ist man dabei. „Die prekären Arbeitsbedingungen haben uns für diese Branche wachgerüttelt.“ Wir setzen uns ein, schreiben Briefe an Ministerien und arbeiten mit den Krankenkassen zusammen. Damit die Menschen in dieser Branche in den Mittelpunkt gerückt werden. „Die hocken auf ihrem Bock, leisten ihre Arbeit und die Gesellschaft kümmert sich überhaupt nicht um sie.“

Die Spediteure sind aufgerufen, sich stärker um die Gesundheit ihrer Fahrer zu kümmern. Natürlich haben alle Verständnis für die kleinen Spediteure. Aber das Thema muss endlich angepackt werden.

„Das Entwürdigende sind natürlich die Löhne, die allzu oft gezahlt werden.“ Jungkunz will hier ausdrücklich nicht die Speditionen an den Pranger stellen, sondern vielmehr die Auftraggeber, welche die Arbeit er Fahrerinnen und Fahrer nicht genug wertschätzen. Natürlich sehe er, dass oft auch die Auftraggeber gedrückt werden. Umso höher müsse hier angesetzt werden, um diese Abwärtsspirale zu beenden. „Unsere Fahrerinnen und Fahrer brauchen den Schutz der Politik, brauchen gute Mindestlöhne, die armutssicher sind. Die müssen mindestens bei 14 Euro liegen.“ Weniger habe keine Wirkung, damit eine gewisse Würde einzieht.

Wir müssen Arbeit insgesamt mehr wertschätzen, verlangte Pastoralreferent und Fernfahrerseelsorger Norbert Jungkunz.

Trucker haben Respekt vor Kampf der Landwirte

Tiefen Respekt wurde beim Fernfahrerstammtisch den Landwirten gezollt, die für ihre Belange nachdrücklich eintreten. „Ich habe mich riesig gefreut, dass welche endlich etwas auf die Beine stellen, erlebte ein Fernfahrer, als er Traktorkolonnen im Umfeld von Protestveranstaltungen auf der Autobahn überholte.