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Corona-Erlebnisse der Brummi-Lenker

Fernfahrer
Datum:
Veröffentlicht: 16.8.21
Von:
Monika Schütz, Obermain-Tagblatt
Trotz einiger schlechten Erfahrungen war die Stimmung der Fahrerinnen und Fahrer beim Fernfahrerstammtisch gut. Von welchen Ereignissen aus den vergangenen beiden Jahren sie berichteten.

Endlich wieder ein Frühschoppen mit Fahrerkollegen, endlich wieder persönlicher Austausch: nach langer Coronazwangspause fand am Sonntag wieder ein Fernfahrerfrühschoppen statt. Eingeladen hatten Pastoralreferent Norbert Jungkunz, die Gewerkschaft Verdi, die Gewerbeaufsicht des Bezirks Oberfranken und die Verkehrspolizei Coburg.

Teilweise haarsträubende Erlebnisse erzählt

"So habe ich die Corona Misere beim Fahren gemeistert", war das Top-Thema im Saal der Gaststätte Wallachei. Die mehr als 20 anwesenden Frauen und Männer berichteten teils haarsträubende Ereignisse aus den letzten Monaten. An den Autobahnraststätten seien während des Lockdowns viele Toiletten und Duschen geschlossen gewesen, bei der Rückkehr von einer Ferntour seien sie stunden - ja tagelang in ihren Fahrzeugen im Stau gestanden und in einigen Firmen, die sie zum Anliefern ihrer Waren ansteuerten, seien sie mit abwertenden Worten "empfangen" worden.
"Die Leute merken erst dann etwas von unserer Arbeit, wenn die Supermarktregale leer sind", bedauerte ein Trucker die geringe Wertschätzung gegenüber des Berufes. "Oder wenn das Klopapier ausgeht", ergänzte ein anderer unter dem Gelächter der Kolleginnen und Kollegen.

Teilweise Arbeit der Lageristen übernommen

Einige Berufskraftfahrerinnen und -fahrer mussten von heute auf morgen zuhause bleiben, weil wegen des Lockdowns plötzlich keine Abnehmer mehr da waren, andere fuhren Sonderschichten. Selbst das Abladen / Anliefern in den Firmen oder Supermärkten habe sich in der Coronazeit geändert.

Ein Fahrer berichtete, dass er aufgefordert wurde, im LKW sitzen zu bleiben, während das Personal des Kunden selbst auslud und auch die Papiere fertig machte. Ein anderer Fahrer erzählte das Gegenteil: er habe deutlich mehr machen müssen, neben dem Liefern und Ausladen auch Tätigkeiten eines Lageristen. "Manche sparen fünf, sechs Männer im Lager, wenn der LKW-Fahrer selbst auslädt". Auch das menschliche Miteinander zwischen Kunde und Fahrer sei anders geworden: "Teils bieten sie dir einen Kaffee und eine Duschmöglichkeit an, teils sind sie froh, wenn du endlich wieder vom Firmenparkplatz runter bist!"

"Rund 1,2 Millionen Fernfahrer sind in Deutschland gemeldet, davon sind circa 950.000 Berufskraftfahrer mit Ausbildung", nannte Norbert Jungkunz von der Katholischen Betriebsseelsorge Bamberg beeindruckende Zahlen. Er wusste um die Probleme im Alltag der Brummifahrer, wusste von Stress, Zeitdruck, niedriger Bezahlung, Fahrermangel und ungünstigen Arbeitszeiten. Und genau da liegt ein weiteres Problem: viele Fahrer versuchten, ihr "Brutto-Standard-Gehalt" aufzupeppen. Mit Zulagen, höheren Spesen bei längeren Touren und Sonderschichten schafften es manche zwar auf einen höheren Monatslohn zu kommen, doch "letztendlich sind es genau DIE, die bei der Rente später einmal draufzahlen werden!", "Die Rente geht nicht nach eurem Gesamtverdienst, sonder nach eurem Brutto - das gleiche gilt für Krankengeld und Lohnfortzahlung bei Arbeitsunfähigkeit", gab ein weiterer Fernfahrer zu bedenken. "Wer von euch fährt denn nach Tarif?", fragte der Fernfahrerseelsorger Jungkunz in die Runde. Es meldete sich genau eine Person.

Selbst die Verbraucher müssten mit ins Boot geholt werden, wenn sich etwas an der Situation im Nah-und Fernverkehr ändern soll. Etwa beim Bestellen im Internet: "wer den Knopf drückt für eine 24-Sunden-Lieferung, der sollte wissen, was er da macht!", so Norbert Jungkunz. Den schwarzen Peter bekam die Regierung: die Fahrer forderten mehr Parkplätze für die Ruhezeiten, eine faire Bezahlung für alle Fahrer, egal ob die aus Deutschland, Polen oder Rumänien kämen. Sie fordern, dass das EU-Gesetz (s.u.) eingehalten wird. Und sie möchten eine Antwort auf diese Frage: Warum dürfen Wohnmobile nicht mehr als eine Nacht auf einem öffentlichen Rastplatz stehen, ein LKW, der auf Ladung wartet aber bis zu vier Wochen? "Die Fahrer warten hier ohne Toilette und Dusche!", das müsse ein Ende haben. "Auch die Unternehmer müssen mehr in die Pflicht genommen werden", entgegenete Norbert Jungkunz und lud die Teilnehmer gerne zu Bratwurst und Kraut ein. Es war ein wichtiger gemeinsamer Erfahrungsaustausch über die aktuelle Situation von Berufskraftfahrern. Besonders die Belastungen in diesen Zeiten wurden beleuchtet und diskutiert.

INFO: Diese Regelungen gelten im gewerblichen Güterkraftverkehr und im Werkverkehr unter anderem: die Verpflichtung des Unternehmens, dem Fahrer in jedem Vier-Wochen-Zeitraum eine mindestens 45-stündige Wochenruhezeit zuhause oder am Unternehmensstandort zu ermöglichen. Das Unternehmen muss dokumentieren, wie es diese Rückkehrpflicht erfüllt hat.