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Ein anderer Blick aufs Fest

Ein anderer Blick aufs Fest
Datum:
Veröffentlicht: 26.1.23
Von:
Heike Schülein
Die Galerie des Kronacher Landratsamts zeigt Weihnachtskarten des früheren Betriebsseelsorgers Eckhard Joey Schneider. Anhand von Entwürfen kann auch die Entstehung verschiedener Motive nachvollzogen werden.
Ein anderer Blick aufs Fest

Kronach- Eine feste Institution zum Weihnachtsfest – Das sind die alljährlich von Eckhard Joey Schneider gestalteten hintergründigen Festgrüße, die geradezu schon Kultstatus besitzen. Mit viel Kreativität, Ideenreichtum sowie großem künstlerischem Geschick lenkt der frühere Betriebsseelsorger im Erzbistum Bamberg dabei Jahr für Jahr den Blick auf aktuelle politisch-religiöse Themen und unterstützt mit den Erlösen traditionell wohltätige Zwecke. Die sechswöchige Ausstellung im Kronacher Landratsamt „Alle Jahre wieder … Ein anderer Blick auf Weihnachten“ zeigt die in den letzten 16 Jahren entstandenen kleinen Kunstwerke. Darunter findet sich auch das Motiv für 2022, „Glockenläuten“, das in den letzten Wochen bei wiederum einer stattlichen Anzahl von Adressaten durch den Postschlitz geflattert war.

Weihnachten im Vielklang der Glocken

„Kling Glöckchen klingeling“ und Pete Seegers Klassiker „If I had a hammer“ mit Schneiders ganz eigenen Übersetzung der 3. Strophe „Wenn ich a Glock´n hätt, dann würd ich sa läuten, in aller Herrgotts Früh …“ – Beide Lieder eint das Thema der Glocke; beide Liedzeilen finden sich auf der aktuellen Weihnachtskarte „Glockenläuten“. Nachdem 15 Mal der kirchliche Essener Adventskalender das Kartenmotiv bestimmt hatte, war dies 2022 anders. Da bis Juli noch keine Themenvorgabe aus Essen als Denkanstoß vorhanden war, erhielt der Theologe diesen von seiner Ehefrau Beate: „Glockenläuten“ – Ein Leitgedanke von hoher Aktualität und Brisanz, in der Spannung: Die „Mahnglocke“, wie man sie in der Betriebsseelsorge läuten lässt, die angesichts der weltweiten Kriege fast verstummende „Friedensglocke“, die uns so selbstverständlich erscheinende „Freiheitsglocke“ sowie die „Festtagsglocken“ mit der Einladung, gemeinsam Weihnachten zu feiern.

„Glockenläuten“ sowie die gesamte Ausstellung lädt ein zu einem zweiten Blick auf die Dinge und einem Nachgehen mit all den Anfragen und unseren eigenen Überlegungen in diesen schwierigen und turbulenten Zeiten – im Vielklang der Glocken“, so Eckhard Joey Schneider. Mit seinen Bildkarten mit eigenem Text wolle er seine Sicht der Dinge, sein Verständnis als geerdeter, politischer und kreativer Theologe zum jeweiligen Thema ausdrücken. Wenn die Themenvorgabe vorliegt, nähert er sich dieser stets langsam an. Es gibt erste Entwürfe - zu sehen auf der rechten Seite der Ausstellung - sowie Einschätzungen. Spätestens im Sommerurlaub wird das Motiv meist als Aquarell der Klappkarte mit Anfragen und Anregungen auf der Innenseite fertig.

Die alljährlich 2.400 Exemplare der Weihnachtskarten der Katholischen Betriebsseelsorge sind in der Hauptsache für Arbeitnehmer-Vertretungen, Gewerkschaften und Verantwortliche in der Arbeitswelt gedacht. Zudem werden sie im kirchlichen Umfeld und in der Pfarrei verkauft. Der Erlös seiner bislang 16 kreativ-anregenden Weihnachtskarten ging dabei von Anfang an nach Arua in Norduganda, wo seine Tochter Ruth als „Missionarin auf Zeit“ 2006 ein Jahr lang bei den Comboni-Missionaren für die Station unterernährter Säuglinge gearbeitet hat. Seit der Flüchtlingskrise geht ein Teil des Erlöses auch an die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit im Landkreis Kronach. Dank der positiven Resonanz konnten seitdem mehr als 20.000 Euro überwiesen werden.

Kreiskulturreferentin Julia Völker und die weitere Stellvertreterin des Landrats, Edith Memmel, würdigten die Kreativität sowie das Schaffen Schneiders ebenso wie Dr. Manfred Böhm. „Jede einzelne Karte hatte im Lauf der Jahre ihren konkreten Sitz im Leben“, stellte der Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg heraus. Trotz Verwendung bekannter Weihnachts-Illustrationen möchten die Grußkarten unseren gemütsschwangeren Erwartungshorizont aufbrechen. Die wohlfeile Weihnachtsrührung werde vermieden; das uns ansprechende Weihnachtsklischee überschnitten hin zu den jeweiligen Herausforderungen der Gegenwart. Denn darauf komme es dem Künstler sowie der Betriebsseelsorge an: „Weihnachten ist keine Flucht aus der Welt in irgendeine Gefühlsseligkeit, sondern die Erinnerung daran, dass mitten in der realen Welt - also mitten in der Not, Elend und Verzweiflung, die Menschwerdung Gottes geschieht und damit der Keim für Hoffnung gegen jeden Augenschein gelegt ist. „Weihnachten ist nicht der Zuckerguss dieser Welt, sondern wohl eher das Salz in deren Wunden“, appellierte er. Die Karten möchten vor allem eine Anleitung fürs genaue Hinsehen sein und nicht eine hübsche Ablenkung zum Drüber-Wegsehen. Sie wollten hinweisen auf gesellschaftliche oder weltpolitische Fehlentwicklungen oder Zustände, die man im Normalfall mit Weihnachten nicht sofort in Verbindung bringen würde.

Flüchtlinge in einer Nussschale

Allen gemein sind die Festgrüße, dass sie einen kritischen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft werfen, auf Sorgen und Nöte der Menschen auf der ganzen Welt aufmerksam machen. Zugleich verweisen sie auch auf die eigentliche Botschaft von Weihnachten, der so viel Hoffnung spendenden Geburt Christi. Nicht immer einfache Kost für den unbeschwerten Weihnachtskarten-Schauer bzw. -Leser ist zum Beispiel das Aquarell von 2015, das Flüchtlinge in einer Nussschale zeigt, während Schneider 2011 „Kein Frieden ohne Gerechtigkeit“ thematisierte. 2009 forderten seine „AdventsGesichter“ auf, den Einzelnen nicht auf seine Rolle in der Gesellschaft zu reduzieren, sondern ihn auf Augenhöhe anzuerkennen. Alle Karten sind jede für sich ein Statement – für die Werte und Haltungen, für die die Betriebsseelsorge und mit ihr auch der Künstler Eckhard Joey Schneider steht: Menschlichkeit, Gerechtigkeit, fairer Ausgleich, Solidarität und Frieden. Gegen den Slogan „Weihnachten wird unter´m Baum entschieden!“, mit dem ein großes Medienunternehmen schon vor über zehn Jahren warb, und für die unübertroffene Kurzformel des ehemaligen Limburger Bischofs Franz Kamphaus „Mach´s wie Gott. Werde Mensch!“

Musikalisch umrahmt wurde die auf großen Zuspruch stoßende Ausstellungseröffnung von Schneiders langjährigem musikalischen Begleiter und „Seelenverwandten“ Tom Sauer.

Ein anderer Blick aufs Fest
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Eckhard Joey Schneider