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Erzbischof Ludwig Schick traf sich mit Gewerkschaftsvertretern

Treffen 05.2021, Erzbischof - Gewerkschaftler
Datum:
Veröffentlicht: 8.6.21
Von:
Heirnichsblatt, Nr. 22, Andreas Kuschbert

Welchen Fortschritt wollen wir?

„Wenn irgendwann in vielleicht naher Zukunft die Coronakrise tatsächlich überwunden sein wird, wird die allgemeine Erleichterung groß sein. Doch wie kann es weitergehen? Oder besser, wie kann anders neu begonnen werden?“ Mit diesen Worten führte Dr. Manfred Böhm, der Leiter der Arbeitnehmerseelsorge im Erzbistum Bamberg, ins eigentliche Thema des traditionellen Treffens zwischen Gewerkschaftsvertretern und Erzbischof Dr. Ludwig Schick ein, zu dem die Betriebsseelsorge ins Bistumshaus St. Otto eingeladen hatte.
Treffen 05.2021, Erzbischof - Gewerkschaftler

 „Wenn irgendwann in vielleicht naher Zukunft die Coronakrise tatsächlich überwunden sein wird, wird die allgemeine Erleichterung groß sein. Doch wie kann es weitergehen? Oder besser, wie kann anders neu begonnen werden?“ Mit diesen Worten führte Dr. Manfred Böhm, der Leiter der Arbeitnehmerseelsorge im Erzbistum Bamberg, ins eigentliche Thema des traditionellen Treffens zwischen
Gewerkschaftsvertretern und Erzbischof Dr. Ludwig Schick ein, zu dem die Betriebsseelsorge ins Bistumshaus St. Otto eingeladen hatte. Mit drei Kurzstatements und einer anschließenden Diskussionsrunde befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Treffens mit dem Thema „Welchen Fortschritt wollen wir? Nach Dr. Böhms Worten sei diese Frage nicht nur sehr grundsätzlich, sondern auch sehr wichtig. „Die Pandemie hat uns sensibel werden lassen für das Thema der Zukunftsgestaltung. Und sie hat andere Prioritäten in den Vordergrund gespült. Was sich
jetzt verändert hat, das darf nicht wieder in der Versenkung verschwinden.“

Dass sich unsere Lebenswelt in den kommenden zehn Jahren stark verändern wird, machte Martin Feder, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Bamberg, in seinem Impulsreferat „Transformation
zwischen Technik und Klimaschutz“ deutlich. Die Veränderungen würden dabei auf vielen Feldern, gleichzeitig und in hoher Geschwindigkeit ablaufen. „Eine große Problematik stellt dabei
die hohe Geschwindigkeit des Wandels dar“, so Feder und verdeutlichte dies anhand der Automobilindustrie.
So stünden gerade große Automobilzulieferer unter Druck, die bislang hochspezialisierte Teile für Verbrennungsmotoren zuliefern. Für die Zukunft werde jedoch verstärkt auf E-Mobilität gesetzt. Feder: „Um die Massivität des Wandels klar zu machen: ein Verbrennungsmotor besteht aus über 2500 Einzelteilen. Ein Elektromotor aus knapp 250. Was das für Wertschöpfung und Arbeitsplätze
bedeutet, kann sich jeder ausmalen.“ Nach Feders Worten stehe man in der Industrie voreiner Mammutaufgabe, „jedoch führt kein Weg am Aufbau einer klimaneutralen Industrie vorbei“.
Die prekäre Beschäftigung im Handel beleuchtete Dirk Schneider, Gewerkschaftssekretär Verdi Oberfranken West, in seinem Statement. Dabei machte er deutlich, dass der Grundsatz lauten müsse: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, „und gerade jetzt in der Tarifrunde für den Einzel- und Versandhandel fordern wir auch die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Handel“.
Nur so könnten die Beschäftigten vor Armut in der Gegenwart wie in der Zukunft geschützt werden.
„Eine andere Welt ist möglich“ – unter diese Überschrift hatte der Nürnberger Betriebsseelsorger Martin Plentinger seine Ausführungen gestellt und bezog sich dabei auf die Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. Nach Plentingers Worten passe die Enzyklika genau zum Thema des Treffens, „denn sie ist eine Vision, ein Traum, der genau der Frage nachgeht, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen und auch leben könnten“.
Und Plentinger formulierte drei Wünsche für die Zeit nach der Krise: „Dass wir nicht wieder noch mehr in einen fieberhaften Konsumismus und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung
verfallen. Dass es am Ende nicht ,die Anderen‘, sondern nur ein ,Wir‘ gibt, und dass wir einen Sprung hin zu einer neuen Lebensweise machen und wir ein für alle Mal entdecken, dass wir einander brauchen und in gegenseitiger Schuld stehen.“

Erzbischof Ludwig Schick betonte, dass ein Treffen wie dieses mit Gewerkschaftsvertretern und Betriebsseelsorgern wichtig sei, „denn wir als Kirche sind auch ein großer Arbeitgeber und müssen
immer wieder lernen, wie wir mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besser umgehen, damit sie ein gutes Leben haben“.

Mit Blick auf das angesprochene Thema „Transformation“ machte Schick deutlich, dass es diese schon immer gegeben habe, sie aber auch zum Besseren hinführen müsse. Und bei jeder Transformation müssten Politik, Recht sowie Ethik und Moral gemeinsam gesehen und beachtet werden. Die derzeitige Pandemie sieht der Bamberger Oberhirte als Chance, „eine gute Transformation hinzubekommen“. Entscheidend für den Erfolg sei aber ein Dialog, „der über unsere Blase hinausgehen muss“ und verstärkte internationale Begegnungen schaffe.

Auch das Thema „Homeoffice“ streifte Schick in seinen Ausführungen. Homeoffice sei für manche durchaus gut, „aber es muss geregelt sein, was bislang nur wenig der Fall ist“. Ohne klare Regelungen in diesem Bereich sei er gegen eine Ausweitung des Homeoffice.
Großes Lob zollte der Erzbischof in diesem Zusammenhang den vielen Müttern, die seit Monaten Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen müssen. „Das hat nichts mit Bespaßung zu tun, sondern ist harte Knochenarbeit“, konstatierte er.

Angesichts der Corona-Pandemie sieht Erzbischof Ludwig bei Manchen derzeit die Tendenz, sich ohnmächtig zu fühlen, „und Ohnmacht kann zu Resignation führen und Resignation führt dann zu Individualismus“. Aus diesem Grund sei derzeit sein Standardwunsch gegenüber den Menschen im Erzbistum: „Bleiben sie gesund und hoffnungsvoll.“ Für Betriebsseelsorgerin Barbara März, die das
Treffen moderierte, ein passender Wunsch für die Betriebsräte und Betriebsseelsorger und deren Arbeit.