Fernfahrer - das letzte Glied in der langen Logistik-Kette

Einen spannenden Sonntagvormittag erlebt rund 60 Trucker beim Fernfahrer-Frühschoppen im Gasthaus Wallachei in Lichtenfels.
Pastoralreferent Norbert Jungkunz von der katholischen Betriebsseelsorge Bamberg hatte zu dem Treffen eingeladen. Der Gedanke hinter den Fernfahrer-Frühschoppen sei die Vernetzung der Fahrer in der Region und die Weitergabe von Informationen durch die Veranstalter, also dem Gewerbeaufsichtsamt, der Regierung von Oberfranken, der Polizei und der Gewerkschaft Verdi. "Die Wertschätzung gegenüber den Fahrern habe ich gelernt. Die Fernfahrer sind das letzte Glied in der großen Logistik-Kette. Sie haben oft die Lastesel-Funktion und bekommen von der Gesellschaft nicht den Respekt, der ihnen jedoch eigentlich zukommen müsste", sagte der Diplomtheologe.
Beherrschendes Thema war die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die es seit Sommer 2017 Lkw-Fahrern untersagt, die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit im Fahrzeug zu verbringen, hauptsächlich am Wochenende. Nun sollen Polizisten und Kontrolleure mit Sanktionen einen Missstand bereinigen, dessen eigentliche Ursachen in der EU liegen, hieß es. Michael Lang von der Verkehrspolizei in Coburg schüttelte den Kopf: "Kontrollen können nur ausgeweitet werden, wenn das Personal an den steigenden Güterverkehr angepasst wird." David Merk von der Gewerkschaft Verdi forderte verbesserte Arbeitsbedingungen für die Fernfahrer. Entgelt und Arbeitszeit müssten angepasst und das Sozialdumping bei osteuropäischen Fahrern beendet werden. Man könnte den Güterkraftverkehr als gelungenes Beispiel für die europäische Integration ansehen. Gäbe es nicht die andere Seite des Erfolgs: "Soziale Mindeststandards existieren meistens nur auf dem Papier, ein Teil der osteuropäischen Arbeiter fahren für einen Hungerlohn, nicht einmal neun Euro", stellte Merk fest.
Auf den Fernstraßen herrsche ein harter Wettbewerb. Der Druck werde von oben nach unten weitergereicht, von den Auftraggebern über die Speditionen, bis er schließlich im Fahrerhaus ankomme. Aus Angst den Job zu verlieren, seien nur fünf Prozent gewerkschaftlich organisiert, sagte Merk. Ausnahmen seien die Firmen "Piano Express", ehemals Krauss und Papst in Lichtenfels, und "Transthermos" in Bamberg. Geradezu panische Angst hätten die osteuropäischen Trucker. Bei der Kontaktaufnahme wollten sie noch nicht einmal mit dem Gewerkschaftsfunktionär gesehen werden. 1,5 Millionen Fernfahrer gebe es in Deutschland. Es herrsche trotzdem ein großer Fahrermangel, 50 000 fehlten. Das verschärfe noch die soziale Situation. Harald Kober, Betriebsratsvorsitzender bei "Piano Express" bedauerte, dass sich nur wenige für den Betriebsrat zur Verfügung stellten. "Es waren einmal 20, heute sind wir nur noch fünf", sagte er.
Ein weiteres Thema war das Sonntagsfahrverbot. Gerhard Trinkwalter vom Gewerbeaufsichtsamt Coburg, zuständig für Sozialvorschriften, wies darauf hin, dass private Fahrten davon ausgenommen seien. Wenn ein Fahrer ohne Bezahlung zum Beispiel Möbel bei einem Umzug unentgeltlich für sich oder einen Bekannten durchführe, könne das auch am Sonntag geschehen. Voraussetzung sei, dass der Fahrer kein Geld dafür annehme. Zu Gast war der Journalist und Autor Jan Bergrath aus Pfalzfeld im Rhein-Hunsrück-Kreis. Er arbeitet für das Fachmagazin "Fernfahrer", einer monatlich erscheinenden Zeitschrift. Einer seiner Themenschwerpunkte ist das Sozialdumping mit Fahrern aus Südosteuropa. Er stellte bei der Versammlung sein achtes Buch "Spur der Laster" vor. Darin beschreibt er einen skrupellosen Geschäftsführer eines renommierten Transportunternehmens. Dieser beutet seine osteuropäischen Fahrer aus und trägt Mitschuld am Unfalltod eines Menschen auf der A 4.
Uwe Ender aus Michelau war von Anfang an bei den Fernfahrer-Frühschoppen dabei. Sein erklärtes Ziel ist es, für die nachfolgende Generation Verbesserungen zu erreichen. "Ich habe den Glauben daran verloren, jetzt etwas zu ändern", sagte der Kapitän eines 40-Tonnen-Gliederzuges unserer Zeitung. Kein Problem sah er dagegen im Einsatz von Jumbolastern. Die bis zu 25 Meter langen Gigaliner seien technisch sicher und stellten keine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer dar, weil sie ohnehin nur zwischen den Logistikzentren eingesetzt werden.
Auch Busfahrer stöhnen unter den Vorschriften der Lenk- und Ruhezeiten. Sandra Schubert aus Küps fährt im Liniendienst aber auch in der Schülerbeförderung im Landkreis Kronach. Die Arbeitsbedingungen seien oft sehr problematisch. Dieser Redaktion sagte sie: "Wenn ich am Sonntagabend um 22 Uhr meinen Bus abstelle und Montagfrüh um 5 Uhr die erste Ausfahrt habe, dann ist das ganz schön stressig."
Norbert Jungkunz gab bekannt, dass der nächste Fernfahrer-Frühschoppen am 29. April um 9 Uhr im Pfarrzentrum St. Augustin in Coburg stattfindet. Dort sei er vor zehn Jahren gegründet worden.