Zum Inhalt springen

Fränkische Lieder und Rezitationen

Fränkische Lieder und Rezitationen
Datum:
Veröffentlicht: 4.10.21
Von:
Ulrike Pilz-Dertwinkel, Heinrichsblatt Nr. 37

„Pass auf, sonst gehörst du der Katz“

Es war viel mehr als ein vergnüglicher Abend. Die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) hatte drei Hobbykünstler ins Nürnberger Gewerkschaftshaus eingeladen, die beruflich im gleichen Milieu unterwegs sind und eines gemeinsam haben: Das, was sie im „alltäglichen Wahnsinn“ erleben, was sie aufregt und womit sie sich nicht abfinden wollen – verarbeiten sie künstlerisch: Sie gießen es in launige Lieder und Gedichte. Damit bescheren sie ihren Zuhörern nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern liefern Anregungen zum Nachdenken und Impulse für Gespräche. Und so wurde diese Veranstaltung zu einem unterhaltsamen Abend mit Tiefgang und Augenzwinkern.

Wolfgang Mai ist Betriebsrat bei Siemens sowie Singer und Songwriter. Der 62-Jährige, der auch Gitarre spielt, hat früher englisch gesungen, mittlerweile ist er in fränkischer Mundart unterwegs und fühlt sich sehr wohl mit dieser Entscheidung. Betriebsseelsorger Martin Plentinger teilt die Liebe zur Musik; als Jugendlicher hat er bereits in einer Band gespielt; heute ist der 58-Jährige mit seiner Gitarre auf vielen Veranstaltungen zu Gast. Im Beruf – Plentinger: „Wir docken bei den Themen unserer Arbeit an“ – haben sie sich kennengelernt und bald darauf zusammen Musik gemacht. Beim Fränkischen Mundartfestival in Burgbernheim hat er Mai zum ersten Mal begleitet, mittlerweile schreibt er auch selber Songs. Die beiden proben einmal in der Woche und planen ihre erste  gemeinsame CD. Einen Namen hat das Duo aber noch nicht.

Manfred Böhm ist Leiter der Arbeitnehmerpastoral im Erzbistum und Verfasser gesellschaftlicher Gedichte; 2018 hat er mit „Beweislücke“ sein viertes Gedichtbändchen herausgegeben. Wenn er im Auto unterwegs ist, gehen dem Betriebsseelsorger die Themen aus der Arbeitswelt durch den Kopf. Diese Gedanken werden humoristisch, nachdenklich und politisch verarbeitet und in Verse gegossen. So drehen sich Lieder und Gedichte an diesem Abend um An- und Aufregendes im Alltag von Betriebsseelsorgern und Betriebsräten. Welchen Wert hat der Mensch im Getriebe der Verwertungslogik unter sich ständig ändernden Arbeitsbedingungen? Was bedeutet das für seine Würde und sein Leben? Kann er dem Druck von Kapital, Beschleunigung und Selbstoptimierung standhalten?

„A jeder brauchd an Hofnarrn“ singt Wolfgang Mai; das Lied zielt auf jeden, der sich (zu) wichtig nimmt, dem ein anderer den Spiegel vorhält und ihn vom hohen Ross holt. Den allgegenwärtigen Egoismus nimmt „Iech, iech, iech“ auf die Schippe – was kümmern mich die anderen … Nachdenklich stellt er in „Nirchndwo dahamm“ fest, wie einsam man sein kann – auch wenn man glaubt, tausend Freunde zu haben. Mit teils beißendem Humor nimmt Manfred Böhm in seinen Gedichten Menschliches, allzu Menschliches in Zusammenhang mit Wirtschaft und Kapitalismus aufs Korn. Thematisiert werden Weltwirtschaft- und Rentenreform, Arbeit und Vermögen, Marktverhältnisse und das saubere Gewissen. „Jeder gegen jeden, alles ist erlaubt, wer hat, dem wird gegeben“, so die markigen Zeilen in „Casino Royal“; der Vers endet mit „Pass auf, sonst gehörst du der Katz.“ Martin Plentinger wiederum beleuchtet den „völlig irrsinnigen Finanzkapitalismus“, den „Überlebenskampf in den Betrieben“, der ihm vorkommt „wie ein Kriegspfad“. Er findet viele Fragezeichen und kann nur feststellen: „Die Antwort kennt wahrscheinlich nur der Wind.“

Auch um Sinnfragen geht es an diesem Abend – wissen, woher man kommt, wohin die Reise geht. Nachdenkliches präsentiert „Umdrehen“ – umkehren, stehenbleiben, die Richtung wechseln: „Nur wer Mut hat umzudrehen, kommt raus.“ Spöttisch überspitzt zeichnet „Die Gedangn sinn frei“ den Social-Media-Wahn, den Run auf Youtube, das Verdrehen von Wahrheiten und den Glauben an Verschwörungstheorien. Launig und rhythmisch kommt der Song „Total digital“ daher. Dazwischen präsentiert Dichter Böhm Tierparabeln, die es in sich haben, zeigt mit Geier und Hahn, wie ungerecht das Leben ist, räsoniert über das fehlende Ei und das faule Huhn, kommt auf den heute so wichtigen Besitz – und fragt: „Was kann uns je gehören?“

Allen drei Künstlern sei anzumerken, so KEB-Geschäftsführerin Kathi Petersen, wie gerne und genau sie beobachteten; Lob zollt sie dem sprachlichen Niveau, auf dem sie ihre Themen abhandelten. Die Zugabe hat das Thema Solidarität, die nicht nur in der Pandemie gebraucht wird. Auf fränkisch heißt Solidarität „Zammhaltn“; Fazit: Nur wer zammhält, wird überleben.