Gebet als Gegenimpuls - Sozialpolitischer Aschermittwoch als offene Andacht
Auf dem Hugenottenplatz herrscht reges Treiben, wie immer an Werktagen. Busse steuern die Haltestellen an, Fahrradfahrer flitzen an wartenden Taxis vorbei, Passanten flanieren die Fußgängerzone entlang. Nur die Ansprache, die lautsprecherverstärkt über den Platz hallt, macht stutzig. Mitten auf dem Platz hat sich eine Traube von Menschen versammelt, in ihrer Mitte eine Glocke auf einem Holzgerüst. Diese Mahnglocke ist Teil des sozialpolitischen Aschermittwochsgebets, das dieses Jahr bereits zum vierten Mal von den regionalen kirchlichen Angeboten für Arbeitnehmer veranstaltet wurde, darunter die Katholische Betriebsseelsorge und die Mobbing- und Arbeitslosenberatung auf katholischer und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (kda) auf evangelischer Seite. Beteiligt sind außerdem die Dekanate beider Konfessionen. „Wir wollen mit dem Gebet einen Gegenimpuls gegen den Missbrauch des Aschermittwochs durch die Politik setzen“, beschreibt Mitorganisator Bernd Schnackig von der Arbeitslosenberatung Herzogenaurach die Idee hinter der Aktion. Man wende sich damit gegen die Festzeltveranstaltungen der Politiker. „Wir wollen keine großen Reden schwingen, sondern den Finger in die Wunde legen“, bringt es Martin Plentinger, Pastoralreferent der Katholischen Betriebsseelsorge in Nürnberg, auf den Punkt. Der Beginn der Bußzeit sei ein guter Anlass, selbstkritisch nachzudenken, sagt Johannes Mann, Pfarrer der evangelisch-reformierten Erlanger Hugenottenkirche, in seiner Begrüßung. Er weist vor allem auf die aktuellen Probleme vor Ort hin. Auch wenn Erlangen eine vermeintlich reiche Stadt sei: Hier lebten 5000 Menschen in Armut, darunter 2000 Kinder. „Für diese Menschen müssen wir als Christen in dieser Stadt Stimme sein“, sagt Mann. Tatsächlich bleiben im Laufe der kleinen Andacht immer wieder Passanten stehen, um zuzuhören und mitzusingen. Um einzelne von Armut Betroffene nicht der Öffentlichkeit preiszugeben, berichten an ihrer Stelle Vertreter von Beratungseinrichtungen, wie Armut im Erlanger Alltag aussehen kann – gefolgt jeweils von einem Liedruf und drei durchdringenden Schlägen der Mahnglocke. „Armut betrifft die ganze Familie“, betont Monika Köhler von der Diakonie Erlangen und erzählt, dass Kinder aus armen Familien massive Nachteile zu erdulden haben. Dass sie ihren Kindern kein besseres Leben ermöglichen könnten, würde wiederum die Eltern schwer treffen. Maria Yeddes vom Erlanger Zentrum für Alleinerziehende berichtet davon, wie Alleinerziehende mit Existenzangst, Scham und Isolation zu kämpfen haben: „Alleinerziehende sind oft am Ende ihrer Kräfte, finanziell und persönlich“, sagt sie. Bernd Schnackig spricht über die Strukturen von Hartz IV, die vom Bürger vollkommene Unterwerfung forderten. Wer nicht genauestens alle Vorgaben befolge, dem drohten Sanktionen: „Das ist kein Leben mehr, das ist nur noch irgendwie existieren.“ Wolfgang Niclas vom Deutschen Gewerkschaftsbund warnt davor, dass immer mehr Beschäftigungsverhältnisse prekär seien. Auch in Erlangen sei über ein Drittel der Arbeitsverhältnisse „atypisch“ in Form von Ein-Euro-Jobs, Scheinselbstständigkeiten, Leiharbeit und ähnlichem. Was diese Probleme mit den christlichen Kirchen zu tun haben, verdeutlicht Pfarrer Matthias Wünsche von der Gemeinde Herz Jesu, der auf die Verantwortung der Christen für die Schwachen hinweist. Die christliche Botschaft sei eben nicht nur, dass Gott jedem Menschen seine Liebe schenke. Konsequent sei diese Idee nur dann, wenn jeder Mensch auch seinen Nächsten liebe und sich für ihn einsetze. „Wer selbst etwas hat und nur für sich zurückbehält, vergisst, dass er selbst beschenkt ist“, warnt Wünsche. Auch der Papst hätte in einer Ansprache im Herbst das Recht auf Eigentum dort beschränkt, wo es mit den Grundrechten anderer kollidiere. Seine eindringlichen Worte ziehen ebenso Aufmerksamkeit auf sich wie die Musik der sieben Blechbläser von BlechvErlangen, die das Gebet schwungvoll begleiten. Obwohl das große Thermometer null Grad zeigt, bleiben viele Passanten stehen. Auch ein Junge mit Mountainbike rast heran, neugierig. Er bleibt bis zum Schluss – und betet das „Vater unser“ besonders laut mit.
Quelle: Heinrichsblatt Nr. 9 vom 1.März 2015