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Konflikten im Betrieb früh entgegenwirken

Beratung Mobbing Erlangen
Datum:
Veröffentlicht: 17.5.21
Von:
Bernd Buchner, Heinrichsblatt Nr. 20, 16.05.2021

Grob gesprochen, nimmt die Arbeitnehmerpastoral in der Erzdiözese drei Aufgaben wahr: Sie unterstützt Menschen, die in Arbeit sind – das ist die klassische Betriebsseelsorge; sie berät Leute, die keinen Job haben; und sie bietet Beschäftigten Hilfe an, die an ihrem Arbeitsplatz in Konflikten stehen und Opfer von Mobbing sind. In der Erlanger Beratungsstelle hat die beiden letzteren Aufgaben bisher Bernd Schnackig ausgefüllt. Nun ist der gebürtige Aschaffenburger Ende April in den Ruhestand getreten. Und überlässt seinen Nachfolgerinnen ein gut bestelltes Feld.

Die Beratung von Menschen mit oder ohne Job gehört im kirchlichen Verständnis zur „diakonia“ (Nächstenliebe), einem der Grundvollzüge des christlichen Glaubens. Bernd Schnackig war ein Urgestein der Betriebsseelsorge im Erzbistum, für das er seit 1986 tätig war. Der gelernte Starkstromelektriker bildete sich zum Organisationssekretär weiter, war in Eichstätt für die CAJ tätig, kam dann in die Caritas-Erziehungsberatung und wurde schließlich KAB-Sekretär in Nürnberg, leitete das Katholische Volksbüro. 2006 bis 2017 arbeitete Schnackig im Herzogenauracher Büro der Arbeitnehmerpastoral, seither in Erlangen.

Wer hartnäckig nachfragt ...

In erster Linie durch „Mund-zu-Mund-Propaganda“ kämen die Leute in die Beratung, schildert er im Gespräch mit dem Heinrichsblatt. Viele würden auch von den Jobcentern geschickt, die gerade in Pandemiezeiten sehr eingespannt seien. Auch wenn die Leute „sehr hartnäckig“ nachfragten, folgt von den Arbeitsvermittlern gern der Hinweis auf das kirchliche Beratungsangebot, so Schnackigs Erfahrung. Die Kontaktstelle ist zuständig für Stadt Erlangen, Kreis Erlangen-Höchstadt sowie den südlichen Landkreis Forchheim. Das städtische Klientel sei eher konfrontativ, so der heute 65-Jährige. Hier leben zwei Drittel der gemeldeten Arbeitslosen von Hartz IV, auf dem Land ist es nur ein Drittel. Auch bei der Qualifikation gibt es ein klares Stadt-Land-Gefälle: „Je geringer, desto größer die Schwierigkeiten“, beobachtet Schnackig.

Seine Nachfolge in Erlangen übernimmt in der Arbeitslosenberatung Dagmar van der Heusen, die vom Ökumenischen Arbeitslosenzentrum in Nürnberg wechselt. Für die Konflikt- und Mobbingberatung ist ab sofort Susanne Schneider zuständig. Ihr Hauptarbeitsplatz ist Bamberg (siehe Heinrichsblatt Nr. 10, Seite 3), einen Tag in der Woche wird sie aber in Erlangen sein. Schneider ist in Eichstätt geboren und wuchs in einem Pfarrhaus bei Rothenburg ob der Tauber auf. Die gelernte Krankengymnastin studierte später Mentoring im Sozial- und Gesundheitswesen in Bielefeld, sattelte eine Reihe von Weiterbildungen drauf.

Mobbingberatung wird im Erzbistum seit 1993 angeboten. Schneider, die im vergangenen November begann, hat das Tätigkeitsfeld umbenannt: „Beratung bei Konflikten und Mobbing in der Arbeitswelt“ heißt es nun. Dahinter steckt die Überzeugung, dass zwischen beruflichem Mobbing und ungeklärten Konflikten häufig ein Zusammenhang besteht. Mobbing begünstigende Rahmenbedingungen finden sich auch in schlechtem Betriebsklima, wie die 56-Jährige sagt. Gefördert werde es eher durch Strukturen als durch Menschen. Schwache Führungspersönlichkeiten sind oft ein Grund, sagt Schneider, oder umgekehrt solche, „die mit ihren Mitarbeitern umgehen wie mit Soldaten“. Am ehesten lässt sich die unkollegiale Stimmungsmache bekämpfen, indem firmeninternen Konflikten möglichst früh auf den Grund gegangen wird.

Betroffen von Mobbing seien alle, unterstreicht die Sozialarbeiterin – vom Hochschulprofessor über die Assistentin der Geschäftsleitung bis zur Reinigungskraft. „Beraten, zuhören, analysieren“, lautet Susanne Schneiders Dreiklang. Häufig stelle sich in den Gesprächen die Frage, ob es sich um Mobbing handelt oder nicht: „Da schauen wir erst einmal gründlich drauf, weil das einen Unterschied macht im Umgang.“ Schneider fragt, was die Betroffenen schon unternommen hätten, was sie sich wünschten. Sie kommt eher aus der „systemischen Ecke“, wie sie sagt, gibt keine Ratschläge: „Die meisten wissen schon, was sie brauchen. Ich hebe es nur hoch.“

Anfragen erhält Schneider in der Regel per Mail oder telefonisch. Dann wird ein Termin vereinbart, zurzeit aufgrund der Corona-Situation meist telefonisch („Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das sehr gut geht“), oder aber per Video-Konferenz. Oft sind die Menschen, die Beratung suchen, zwischen 50 und 60 Jahre, abhängig beschäftigt, die Frauen nicht selten alleinerziehend, die das Studium ihrer Kinder finanzieren müssen und ohne Jobs (oft auch 2 Teilzeitjobs gleichzeitig) nicht hinkommen. „Alter und Rahmenbedingungen sind extrem bindend, denn die Abhängigkeiten lassen sich nicht einfach verändern oder beenden“, schildert Schneider – da seien die Gespräche intensiver und länger: „Das kann dann mal zwei oder drei Stunden dauern.“

Susanne Schneider hat nicht nur ihren Tätigkeitsbereich umbenannt, sondern auch einen neuen Flyer erstellt. Er wurde jüngst an alle 1300 Betriebsräte auf dem Gebiet des Erzbistums verschickt. Seither sind die Beratungszahlen angestiegen, von zehn im Januar auf fast 30 im März. „Es spricht sich herum, unser Angebot wird bekannter“, freut sie sich.