Menschenwürdige Arbeit

„Erschwert man den Leuten die Arbeit, dann sind sie beschäftigt und kümmern sich nicht um leeres Geschwätz“ (Ex 5, 9). Dieser Satz aus dem Munde des Pharao kennzeichnet die Situation des hebräischen Volkes zur Zeit ihrer Gefangenschaft in Ägypten: Elende Schufterei, ohne nennenswerte Pausen, ohne ordentlichen Lohn, ohne Mitsprache und ohne Perspektiven.
Diese Erfahrung ihrer eigenen Sklavenarbeit sollten die Israeliten nie wieder vergessen. Und auch nicht, dass Gott sie aus dieser aussichtslos scheinenden Lage befreit hat. An jedem Sabbat denken sie seither daran, dass es neben der Arbeit auch die regelmäßige Unterbrechung davon braucht und dass Arbeit nie wieder versklavende Züge annehmen darf. Und so sind in der jüdisch – christlichen Tradition bis hin zur Katholischen Soziallehre heute wesentliche sozialethische Kriterien entwickelt worden, die die Arbeit menschenwürdig machen.
Zu einer menschenwürdigen Arbeit gehört in jedem Fall, dass sie gerecht und fair entlohnt wird. Was aber ist fair und gerecht? In jedem Fall gilt: Wer arbeitet, vielleicht sogar in Vollzeit, muss davon auch leben können. Das ist leider auch heute in Deutschland nicht immer der Fall. Zu viele Niedriglöhner sind gezwungen ihre Arbeitseinkommen über das sog. Hartz IV aufzustocken, damit es zum Leben für die Familie reicht. Das ist für die Betroffenen beschämend und für unsere Gesellschaft ein sprichwörtliches Armutszeugnis.
Zu einer menschenwürdigen Arbeit gehört auch, dass sie unbefristet und sicher ist. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse hindern Menschen daran, sich selbst zu entfalten. Ihre kreativen und sozialen Potentiale bleiben ungenutzt. Sie sind ständig dazu gezwungen, ihr Leben über die nächste Befristung hinaus zu sichern. Gerade junge Leute sind oft davon betroffen und sehen sich kaum in der Lage, eine berufliche und familiäre Existenz aufzubauen. Sie bekommen in der Bank noch nicht mal einen Kredit dafür.
Zu einer menschenwürdigen Arbeit gehört ebenso, über die eigenen Arbeitsbedingungen mitentscheiden zu können. So gehört etwa ein Betriebsrat zu den selbstverständlichen Mitbestimmungsorganen eines Betriebs, der durch sein Tun für mehr Zufriedenheit sorgt und die Motivation hebt. Außerdem muss die Möglichkeit, sich in Gewerkschaften organisieren zu können, gewährleistet sein, ohne dass es dem Einzelnen zum Nachteil gerät..
Die Erwerbsarbeit ist ein so wichtiger Teil unseres Daseins, dass wir sogar unsere persönliche Lebensgestaltung danach ausrichten, angefangen vom Wohnort, über den Urlaub bis hin zum Arztbesuch. Und gute, menschenwürdige Arbeit ist die Bedingung dafür, dass wir ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben führen können. Sie gewährt uns soziale Sicherheit, integriert uns in die Gesellschaft, schenkt uns soziale Anerkennung und bietet uns Möglichkeiten der Selbstentfaltung.
Es gibt also viele gute Gründe, sich für eine menschenwürdige Arbeit stark zu machen. Denn sie ist auch gegenwärtig keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil steht heute, in Zeiten eines weltweit entfesselten Kapitalismus, die Arbeit stark unter Druck und mit ihr die Menschenwürde, die Gerechtigkeit und die Solidarität in der Arbeitswelt. Umso wichtiger ist es, niemals mehr ägyptische Verhältnisse versklavender Arbeit zuzulassen.
Und jetzt? Impuls für die Arbeit vor Ort
Die Arbeitswelt hat viel mehr mit dem kirchlichen Leben zu tun, als wir gemeinhin denken. Das ehrenamtliche Engagement der kirchlich Interessierten findet in deren Freizeit statt. Die Erwerbsarbeit aber wird immer flexibler und übergriffiger und schränkt die Möglichkeiten, am kirchlichen Leben teilzunehmen, immer stärker ein. Nicht immer also ist Desinteresse die Ursache für´s Fernbleiben, sondern das Eingespanntsein in die Zwänge des Berufs.
Die berufliche Erfahrungswelt der Menschen findet, obwohl sie für die allermeisten eine prägende Rolle im Leben spielt, im kirchlichen Raum erstaunlich wenig Resonanz. So bleiben große Teile unseres alltäglichen Lebens, Erfahrungen der Solidarität am Ort der Arbeit etwa, oder auch des Ausgeliefertseins, ungehobene, weil ungeteilte Schätze. Das sollten wir ändern.
Und nicht zuletzt: Menschenwürdige Arbeit ist der Ernstfall für unseren Glauben. Menschenwürde ist keine theoretische Frage, sondern gilt nach unserem Verständnis in der Gnade Gottes vorbehaltlos allen. So ist der Einsatz für menschenwürdige Arbeit Ausdruck unserer christlichen Hoffnung.
Dr. Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg