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„Mobbing ist Chefsache“

Hübschmann
Datum:
Veröffentlicht: 7.12.09
Von:
Irmtraud Fenn-Nebel (Fränkischer Tag)

Mobbingopfer geraten meist unverschuldet in ihre Situation.

ARBEITSPSYCHOLOGIE Mobbingopfer geraten meist unverschuldet in ihre Situation. „Sie dienen den anderen Mitarbeitern als Überdruckventil, weil die Abteilung schlecht strukturiert ist“, sagt ein Experte. Eine psychologische Beratung kann helfen.

 

Bamberg — Der einzige Mann in der Abteilung. Die einzige Ausländerin. Der Neue. Die Fleißigste. Der Faulste. Was sie gemeinsam haben? Ihr Alleinstellungsmerkmal. Das macht sie auffällig, angreifbar. Und zu leichten Mobbingopfern. „Einer muss ja der Schuldige sein, wenn es in der Abteilung nicht läuft“, sagt Fritz Hübschmann. Aus seiner täglichen Praxis kennt er die Gründe für das Zustandekommen von Mobbing: „90 Prozent der Fälle haben mit unklaren Strukturen in der Firma zu tun“. Der Pädagoge und Psychologe arbeitet in der Bamberger Beratungsstelle gegen Mobbing, die von der Arbeitnehmerpastoral der Erzdiözese unterhalten wird. Wenn Betroffene zu ihm kommen, reden sie sich erstmal alles von der Seele. „Die Leute kotzen sich bei mir aus“, sagt Hübschmann.

Mobbingopfer befänden sich in einer Art Problem-Trance, gefangen in ihrer Gedankenspirale. Hübschman versucht, sie „in einen verhandlungsfähigen Zustand“ zu versetzen. Dazu gehört Ablenkung durch Freizeitbetätigungen, ein Gedankenstopp oder ein Vertrag mit dem Partner: „Zuhause ist mobbingfreie Zone, wo nicht über dieses Thema gesprochen wird“. Das klappt insgesamt ganz gut, meint Hübschmann. „Nach drei bis vier Wochen haben sich die Mobbingopfer so weit gefangen, dass man Strategien für das weitere Verhalten erarbeiten kann“. Basis dafür ist eine Analyse der Abteilung, in der die Probleme des Betroffenen begründet liegen. „Wenn die Abteilung schlecht organisiert ist, die Strukturen unklar und die Aufgaben eher zufällig verteilt sind, führt das zwangsläufig zu Problemen“, sagt Hübschmann und ergänzt: „Mobbing ist auch Chefsache.“ Der Chef müsse sich darum kümmern, dass die Abteilung strukturiert ist und das Betriebsklima stimmt. Stimmen Organisation und Klima nicht, entstehe als Konsequenz ein Überdruck, der die Mitarbeiter in ihrem Verhalten und Tun verändert. Der Firmenalltag könne nur weiter funktionieren, wenn ein Überdruckventil geschaffen wird. „Also wird einer ausgesucht, um den Druck abzulassen“, erklärt Hübschmann. Zumeist sei das eine Person mit Alleinstellungsmerkmal, „die aus irgendeinem Grund auffällt, aber keine psychischen Besonderheiten hat“. Zufällig auserkoren als Überdruckventil: „Du bist jetzt unser Mobbingopfer“. Die anderen in der Abteilung bräuchten eine Erklärung, warum der Betrieb nicht läuft. „Diese Erklärung muss nicht richtig sein, nur plausibel“. Der Betroffene selbst habe dann gar keinen Einflussmehr auf die Gestaltung der Situation. Wie er sich verhält, ist vollkommen egal – „es ist immer falsch“, sagt Hübschmann. Das liege aber weder am Mobbingopfer, noch an den Mobbern, sondern an der Gesamtsituation in der Abteilung. Wenn Hübschmann mit dem Betroffenen allein nicht weiterkommt, versucht er, Kontakt zu dessen Firma aufzunehmen. Mit dem Betriebspersonalrat zu sprechen, einen Verbündeten des Mobbingsopfers zu finden. „Aber in die Betriebe kommt man nur schwer rein“, sagt Hübschmann. „Und wenn, kann ich schlecht ursächliche Probleme verändern“. Also liege es vorwiegend am Betroffenen, sich für den Umgang mit der Situation zu stärken. Hübschmann versucht, am Selbstbewusstsein und der Widerstandskraft des Gemobbten zu arbeiten, „damit er den Druck besser aushält“. Manchmal bleibt aber nur ein einziger Ausweg: „60 Prozent der Mobbingfälle lösen sich erst mit der Kündigung. Wenn man nicht langfristig krank werden will, muss man raus aus der problematischen Firma.“

Hilfe für Mobbingopfer
Beratung: Die Beratungsstelle gegen Mobbing ist telefonisch unter 0951/91691-23 zu erreichen, E-Mail: mobbingberatung@arbeitnehmerpastoral-bamberg.de
Hier gibt es auch Infos zu weiteren Beratungsangeboten in der Region.