Perspektiven eröffnen und Potentiale wecken
Gleich zwei Veränderungen gibt es beim Ökumenischen Arbeitslosenzentrum (ÖAZ). Zum einen ist es eine räumliche: die Einrichtung zieht am 11. Juni 2018 von der Jakobstraße in das Christine-Kreller-Haus der Stadtmission in der Krellerstraße 3 in Nürnberg um. Zum anderen scheidet Sozialpädagogin Martina Beckhäuser, seit 1991 im ÖAZ, zum 30. Juni 2018 aus. Grund genug für einen Rückblick und eine Würdigung.
1985 war das ÖAZ als unbürokratische und offene Anlaufstelle für Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen im St.-Anna-Haus in der Jakobstraße 52, unweit vom Plärrer, gegründet worden. Ein ökumenisches Trägerbündnis, darunter die Katholische Stadtkirche und die Stadtmission, signalisierte damit ihr Eintreten für die Belange arbeitsloser Frauen und Männer. An eine Dauereinrichtung war zunächst nicht gedacht, die Gründung war eine Antwort der Kirchen auf die hohen Arbeitslosenzahlen. Die Stadt Nürnberg fördert das ÖAZ bis heute mit einem Sachkostenzuschuss.
Lobbyarbeit
Mit gezielter Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit schärfte das ÖAZ das Bewusstsein für den Skandal der Arbeitslosigkeit. Als langjährige Sprecherin des ÖAZ transportierte Beckhäuser die Anliegen der Arbeitslosen in die Gesellschaft und organisierte Mahnwachen, Protestaktionen oder Bußrufe.
Obgleich die Arbeitslosenquote in Nürnberg im Frühjahr 2018 „nur“ knapp 5 Prozent beträgt, haben sich Auftrag und Aufgabe des ÖAZ nicht erledigt. Im Gegenteil. Gerade die Einzelberatung, sowohl die sozialrechtliche als auch die psychosoziale, habe in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, blickt Martina Beckhäuser zurück. Stark nachgefragt seien nach wie vor die Kurse und Orientierungstage in der Katholischen Arbeitnehmerbildungs- und Begegnungsstätte in Obertrubach.
Radikale Veränderung
Die Einführung des SGB II habe die Situation für die betroffenen Frauen und Männer erheblich verschärft, berichtet Beckhäuser. „Das war eine radikale Veränderung.“ Häufig gehe es bei den Beratungen um Fragen der Existenzsicherung und um Hilfestellung bei der Durchsetzung von Rechtsansprüchen. Zu den Klienten des ÖAZ zählten auch sogenannte „Aufstocker“: sie verdienen so wenig, „dass es nicht zum Leben reicht“. Ganz schwer zu vermitteln seien Alleinerziehende, Menschen über 50 und Migranten. „Es ist ein kleines Hoffnungszeichen, wenn es jemand doch geschafft hat!“
Selbstbewusstsein stärken
Über Arbeit verwirklicht sich der Mensch. Das biblische Verständnis von einem Leben mit Arbeit als schöpferischem Mit-Wirken unterstreicht die katholische Soziallehre. So geht es im ÖAZ damals wie heute darum, Menschen ohne Arbeit zu helfen, ihr Selbstvertrauen nicht zu verlieren und ihre Würde zu bewahren. „Wir wollen die individuellen Potentiale wecken und stärken und Gemeinschaft erleben lassen“, betont Beckhäuser. „Denn: Arbeitslosigkeit kann krank machen. Viele leiden unter psychosomatischen Beschwerden. Sozialkontakte brechen ab. Kulturelle Teilhabe ist kaum mehr möglich.“
„Arbeitslose Kunst“
Neben der Einzelberatung spielte daher von Anfang an die kreative Gruppenarbeit, wie Mal-Workshops oder Theaterspielen, eine große Rolle. Als die dafür vorgesehene halbe Sozialpädagoginnenstelle im Rahmen der Haushaltskonsolidierung der Erzdiözese Bamberg vor Jahren gestrichen wurde, führte das Team „mit einem erheblichem Maß an Eigenengagement“ das Gruppenangebot fort. Das „Highlight“ schlechthin war für Martina Beckhäuser die Kunstausstellung „Arbeitslose Kunst“ 2015 in der Villa Leon in Nürnberg. „Auf dieses Projekt bin ich richtig stolz.“
Von Anfang an war das ÖAZ-Team multiprofessionell aufgestellt, mit Oswald Greim von der katholischen Betriebsseelsorge als erstem Leiter sowie der Sozialarbeiterin Angelika Rachinger und dem Soziologen Herbert Schröder. 1991 formierte sich das Team neu, es kamen die beiden Sozialpädagoginnen Dagmar van der Heusen und eben Martina Beckhäuser. Nach 27 Jahren (seit 2003 in Teilzeit) Beratungstätigkeit im ÖAZ geht sie nun ganz den Weg in die Selbständigkeit: „ich werde zukünftig nicht nur neben- sondern hauptberuflich als systemische Familientherapeutin und Supervisorin arbeiten“.
Aktuell besteht das Team aus dem Diplom-Pädagogen Bernd Eckhardt (Einrichtungsleiter, Schwerpunkt sozialrechtliche Beratung), dem Diplom-Psychologen Tim Brügmann (sozialrechtliche und psychosoziale Beratung), Dagmar van der Heusen (Einzelcoaching, berufliche Neuorientierung, Bewerbungstraining) und der Verwaltungskraft Elke Drotleff.
Ökumenisches Arbeitslosenzentrum (ÖAZ) - neue Anschrift ab 11. Juni 2018
Krellerstr. 3, 90489 Nürnberg
Telefon: 0911/209835 oder 0911/20713
E-Mail: info@oeaz-nuernberg.de