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Politische Lyrik mit den Betriebsseelsorgern Manfred Böhm und Martin Plentinger

Verse wurzeln in der Arbeitswelt
Datum:
Veröffentlicht: 16.1.15
Von:
Ulrike Pilz-Dertwinkel

Verse wurzeln in der Arbeitswelt

Nürnberg (upd) – Den letzten „Kulturabend im Fenster“ im ausklingenden Jahr bestritten die Betriebsseelsorger Dr. Manfred Böhm und Martin Plentinger. Im Fenster zur Stadt, dem Offenen Café der Katholischen Stadtkirche Nürnberg, brachten sie kritische Lyrik und einfühlsames Gitarrenspiel zu Gehör. Im Mittelpunkt der Texte: der Mensch – seine Schwächen und Gewohnheiten, aber auch sein  ausgeprägtes Ego, das andere ins Elend und die Ausweglosigkeit treibt.

Nur auf den ersten Blick habe diese Veranstaltung nicht viel mit Weihnachten zu tun, bemerkte Inge Rehm, Leiterin des Fensters zur Stadt. Doch passten Manfred Böhms Texte, die sowohl humorvoll, als auch mit beißender Ironie Missstände zur Sprache bringen, zum Anliegen der Kirche: sich einzumischen und für Gerechtigkeit einzutreten.

„Politische Gebrauchslyrik“ nennt der Autor seine Verse, die in seiner Arbeit wurzeln – auf Basis der christlichen Soziallehre. Wachrütteln sollen sie und Mut machen, Stellung zu beziehen, denn: „Die Welt ist nicht alternativlos“, sagt Böhm. Er nimmt den überbordenden weihnachtlichen Tand aufs Korn, blinkende Lichterketten und Fassaden stürmende Nikoläuse, die für ihn eher zum beginnenden Fasching passen als zum Fest der göttlichen Menschwerdung. Er geißelt Spekulanten, die aus menschlichem Elend Profit ziehen, fragt nach der Menschenwürde angesichts Millionen Hungernder und Ausgebeuteter.

Aus ihrem beruflichen Alltag kennen die beiden Seelsorger Macht und Ohnmacht im wirtschaftlichen Getriebe, die Priorität ökonomischer Interessen, die Allmacht des Marktes. Also kommen menschliche Tragödien, Arbeitsplatzverlust, Löhne, von denen keiner leben kann, Gewissenlosigkeit, Gewinnstreben und Gier zur Sprache. Böhm legt den Finger in die Wunde, ermutigt die Ängstlichen, ruhig vorsichtig zu sein, warnt vor falschen Freunden wie gewissenlosen Geldverleihern, die berufliche Tragödien schamlos für ihre Zwecke ausnutzen und fragt, was die Politik an Lösungen anbiete.

Deutsche Leitkultur und deutsche Illusionen angesichts von Teilung und Mauerfall verarbeitet Böhm, äußert sich kritisch zur Freiheit, weil sie „ für die da oben prächtig sorge, doch für die da unten Theorie bleibe.“ Die Brieftasche habe stets Priorität, Arbeit dagegen wenig zu melden, heißt es weiter. In seinem Gedicht „Glaubwürdigkeit“ stellt Böhm ironisch das Leitbild vieler Firmen vom „Menschen im Mittelpunkt“ der Praxis unbezahlter Überstunden, Leiharbeit und Hungerlöhnen gegenüber.

Einige der vorgetragenen Texte sind dem Büchlein „Vom seligen Schlaf der Gerechten“ entnommen, das dritte Werk von Dr. Manfred Böhm. „Treffend formuliert“, charakterisiert Inge Rehm die Texte. Der Stoff wird dem Gedichteschreiber in Zukunft nicht ausgehen.

Beide Betriebsseelsorger kritisieren die Leistungsverdichtung in den Betrieben, den Druck für die Arbeitnehmer, weil immer mehr Arbeit auf weniger Köpfe verteilt werde, schlechte Entlohnung als Konfliktstoff, worunter das Klima leide. Sonntagsarbeit sei ein weiteres, ernst zu nehmendes Problem.

Sie wissen, dass sie die großen politischen Dinge nicht ändern können, doch sehen sie sich als wichtige Ansprechpartner vor Ort.

Quelle: Aus Heinrichsblatt, Kirchenzeitung für das Erzbistum Bamberg, Nr. 01 vom 04. Januar 2015, Regionalausgabe BpA, Seite 24.