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Ruhestand nach 35 Jahren in der Betriebsseelsorge

Verabschiedung von Eckhard Joey Schneider nach 35 Jahren als Betriebsseelsorger
Datum:
Veröffentlicht: 17.5.22
Von:
Heike Schülein

Bibel und Betriebsverfassung

Zwei Bücher hatte Eckhard „Joey“ Schneider immer in der Aktentasche: die Bibel und das Betriebsverfassungsgesetz. Zu Beginn dieses Jahres trat der allseits geschätzte Betriebsseelsorger der Erzdiözese Bamberg in den Ruhestand. Im Beisein zahlreicher Weggefährten, Freunde und der Familie wurde am Samstag seine von vielen Emotionen begleitete Abschiedsfeier nachgeholt.
Verabschiedung von Eckhard Joey Schneider nach 35 Jahren als Betriebsseelsorger

„Nah dran am Menschen“ – Unter dieses Leitbild stellte der Kirchenmann sein dankbares Innehalten in der Zecherhalle Neukenroth. Nah dran am Menschen zu sein, bedeute, Einblick zu erhalten in Lebenswelten der Menschen, wenn sie ihr Herz und ihren Mund öffneten; oft beglückend; aber auch bisweilen schwer auszuhalten, wärmend, reibend und aufreibend. „Nah dran am Menschen ist und war auch mein Versuch, in den 35 Jahren als Betriebsseelsorger Solidarität zu leben und solidarisch zu sein“, verinnerlichte Eckhard Schneider, dessen erste Theologenstelle 1984 die eines Pastoralreferenten für die Jugendarbeit in Nordhalben war. Ab September 1985 war er mit gleichgesinnten ehemaligen Kommilitonen in Kulmbach tätig und als Pastoralreferent im gesamten Dekanat Kulmbach für die Arbeitswelt zuständig. Ab 1988 wurde die Betriebsseelsorge-Stelle fest installiert, zunächst nur für den Raum Kulmbach, ab 2005 für den nördlichen Teil der Bamberger Diözese.

Für Nähe zum Menschen brauche es, so der Gewerkschafter, Kompass und Orientierung – nicht dogmatisch und orthodox, sondern lebensbejahend und lebbar, um nicht unterzugehen in den Achterbahnfahrten der Arbeitswelt und des eigenen Lebens. Spätestens seit Corona wisse man, dass es hierfür Regeln brauche. Auch bei seiner Verabschiedung gebe es eine 5-G-Regel, die ihm Grundlage gewesen sei und Orientierung gegeben habe: Geschichte, Gedicht, Gebet, Gesang, Geschenk. Als erstes G wählte er Rilkes Kurzgeschichte „Die Rose“ als Ausdruck von Zuwendung und Empathie, notwendig in der Arbeit als Betriebsseelsorger. Viele der anwesenden Betriebs- und Personalräte seien oft die ersten Betriebsseelsorger, wenn sie sich Ratsuchenden zuwendeten. Das zweite G war das Bertold Brecht-Gedicht: „Das Brot des Volkes“; hätten ihn doch im Ringen um Gerechtigkeit und Solidarität - neben der Bibel - immer Gedichte, Bilder, Kunst und Literatur unterstützt. Das dritte G war ein Gebet aus dem England des 18. Jahrhunderts. Das tägliche Gebet und der christliche Glaube, Zuversicht und Hoffnung, Selbsteinschätzung und Kritik von außen mögen nicht versiegen.

Mit allen Gästen stimmte er das vierte G - das Oberfrankenlied - als Hymne an seine Heimat an. „Mir selber werden meine eigenen Wurzeln bewusst in Region und Familie“, so der aus einem religiösen Elternhaus stammende Stockheimer, der - Sohn eines Lehrers - ursprünglich Kunst studieren wollte. Das fünfte G war ein Geschenk für seine Gäste: Ein Tonbecher, von ihm entworfen, handgemacht mit dem Motiv „Brot und Rosen“.

Seiner mit Standing Ovation bedachten Schlussrede war - unter Moderation von Norbert Jungkunz von der Betriebsseelsorge Bamberg - eine Reihe an Laudationes und persönlichen Erinnerungen vorangegangen. Weggefährden traten auf die Bühne, auf der Fotoaufnahmen der vergangenen 35 Jahre in Dauerschleife auf Leinwand liefen und für Eckhard Schneider charakteristische Gegenstände aufgebaut waren.

„Die Betriebsseelsorge ist kein Arbeitsfeld für Kurzsprinter, sondern eher mit einem Langstreckenlauf vergleichbar“, meinte Dr. Manfred Böhm, Leiter der Arbeitnehmerpastoral Bamberg. Nach fünf Jahren als Betriebsseelsorger sei man angekommen, nach 15 Jahren etabliert, nach 25 Jahren zur Institution geworden und nach 35 Jahren zur Legende gereift. Bei Eckhard Schneider habe es dabei nie inhaltliche Verschleißerscheinungen gegeben. Ein Grund hierfür sei die mit dem Theologiestudium erhaltene Grundausstattung. Unzählbar seien die vielen Versammlungen, Schulungen sowie Einzel- und Gremiumsgespräche mit Betriebsräten – immer mit dem Ziel, diese kompetenter, stärker, zuversichtlicher und mutiger wieder weggehen zu lassen als sie gekommen seien. Vielen sei er so zum Freund geworden. „Man spürt, dass du gerne mit Menschen umgehst, sie magst“, würdigte der Theologe. Dabei sei er alles andere als ein weichgespülter oder unnötig harmonisierender Gesprächspartner, sondern einer mit Ecken und Kanten, der auch Unbequemes anspreche – nicht aus Lust am Streit, sondern aus Interesse an Wahrheit und Klarheit.    

Volker Seidel von der IG Metall Ostoberfranken sowie die Betriebsratsvorsitzende der Kulmbacher Brauerei, Martina Weber, blickten auf gemeinsame Erlebnisse zurück. Mit dem Pilotprojekt „Kirche - Arbeitswelt in Kulmbach" nehme man sich der Sorgen der arbeitenden Bevölkerung an. Auch Hausverbote habe es, so Weber, in seiner Kulmbacher Zeit gegeben, wenn sich dieser „Pfaffe“ mal wieder eingemischt habe. Nachdem er das Büro in Kulmbach aufgeben musste, zog er ins Kronacher Oblatenkloster um und sein Zuständigkeitsbereich wurde auf die Landkreise Bayreuth, Coburg, Hof, Kronach und Kulmbach ausgedehnt. „Als Jäger und Sammler hast du dich nicht unterkriegen lassen und weiter den Machhungrigen und Betriebsblinden den großen Spiegel vorgehalten“, stellte sie seine Verdienste als Wegbegleiter, Lastenträger und Mühlkorb heraus. Symbolisch überreichte man seinem Nachfolger Thomas Reich einen Lastenrucksack, während Schneider selbst mit einer Chillout-Zone bedacht wurde, inklusive Annehmlichkeiten wie Liegestuhl und Sonnenschirm.

Musikalisch stimmungsvoll umrahmt wurde der Abend von Tom Sauer. Aber auch der Betriebsseelsorger trat ans Mikro, wie beim Kartenspiel-Lied von der „Schellen Siema“.     

Hans-Böckler-Medaille zum Abschied

Eine große Ehre wurde Eckhard Schneider zuteil, als er vom DGB-Regionsvorsitzenden Mathias Eckardt mit der Hans-Böckler-Medaille ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Verleihung werden besondere Verdienste im gewerkschaftlichen Bereich gewürdigt. Sie wurde zum Gedenken an den ersten DGB-Vorsitzenden gestiftet und ist die höchste Auszeichnung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und seiner Gewerkschaften. „Gemeinsam habe man viele Höhen und Tiefen erlebt“, sinnierte der Vorsitzende; seien doch Recht haben und bekommen zwei unterschiedliche Dinge. Als omnipräsenter Kämpfer für Gerechtigkeit habe der Gewerkschafter vielen Menschen Trost gespendet.

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