Zum Inhalt springen

Von Krisengewinnern und Verlierern

Manfred Böhm, HB 05.09.2021
Datum:
Veröffentlicht: 8.9.21
Von:
Andreas Kuschbert, Heinrichsblatt

Dr. Manfred Böhm über die Arbeit der Betriebsseelsorge zu Corona-Zeiten / Papier mit Denkanstößen

Behalte ich meinen Job? Wie geht es mit meinem Betrieb weiter? Kann ich meinen Lebensstandard halten? Groß waren und sind noch immer die Sorgen von Familien und Arbeitnehmern in Zeiten der Corona-Pandemie. „Sie haben im wahrsten Sinn des Wortes Angst um Leib und Leben, was sich dann sehr schnell auf die Arbeitswelt und die Wirtschaft auswirkt“, sagt Dr. Manfred Böhm, der Leiter der Arbeitnehmerpastoral im Erzbistum Bamberg, im Gespräch mit dem Heinrichsblatt. Dass die Coronakrise Betriebe und Einrichtungen sehr unterschiedlich getroffen hat und es neben Krisengewinnern auch Verlierer-Gruppen gibt, hat auch vor kurzem die Bundesarbeitsgemeinschaft Arbeitlosenpastoral in einer Stellungnahme deutlich gemacht.

„Die Pandemiesituation hat sehr deutlich gemacht, wie fragil unter anderem der Arbeitsmarkt ist“, schreiben die Unterzeichner der Denkanstöße, darunter auch Petra Zehe von der ökumenischen Arbeitslosenberatung „Die Idee“ in Bamberg. Weiter heißt es in dem Papier: „Besonders von den Auswirkungen der Pandemie betroffen waren und sind arbeitslose Menschen und Bezieher von Grundsicherungsleistungen. Viele von ihnen zählen zu den Risikogruppen und lebten schon vor Corona unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums.“ Wie sehr die Angst bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in den Betrieben umgeht, weiß auch Manfred Böhm durch die Besuche vor Ort. „Die Unsicherheit und vielfach auch berechtigte Angst vor den Corona-Auswirkungen auf der einen und den Auswirkungen der Transformation in der Industrie auf der anderen Seite zeigt sich in den Betrieben, und es sind die typischen klassischen Muster bei den Leuten zu erkennen.“

So gebe es häufig eine Flucht in Alkohol und Tabletten oder auch in Mobbing gegenüber Kollegen, um die eigene Unsicherheit und den Frust auf andere zu projizieren. Im Gegensatz dazu sei laut Böhm ein „Wegducken“, ein „Totstellen“ zu erkennen. Es werde Dienst nach Vorschrift gemacht, um nicht aufzufallen, um nicht entlassen zu werden. Doch seien auch die Kämpfer zu finden ebenso wie die Arbeitnehmer, die sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen solidarisieren.

Trotz oder gerade wegen Corona – die Betriebsseelsorgerinnen und -seelsorger im Erzbistum Bamberg können sich in diesen Monaten über mangelnde Arbeit nicht beklagen. „Wir arbeiten sogar noch mehr“, berichtet Dr. Böhm. Er und seine Kolleginnen und Kollegen konnten aufgrund der Pandemiebeschränkungen nicht wie gewohnt in die Betriebe gehen; stattdessen kamen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vermehrt in die Räume der Betriebsseelsorge. Manfred Böhm: „Sie schilderten uns dann, wie die Arbeitgeber mit ihnen umgehen.“ Häufig angesprochene Themen waren das Homeoffice oder auch die Zuspitzung von Konflikten innerhalb der Betriebe.

Jetzt, nachdem es die Bedingungen wieder zulassen, wollen die Betriebsseelsorger wieder raus in die Betriebe gehen, wollen an Betriebsversammlungen teilnehmen. Angeboten werden auch wieder regelmäßige Betriebsräterunden.
Diese und andere Treffen werden bis zum Jahresende unter anderem auch im Bildungshaus Obertrubach stattfinden, ehe dieses dann für immer seine Pforten schließen wird. „Danach müssen wir uns dann eine neue Heimstatt suchen“, so Böhm und fügt mit Nachdruck und fast schon kämpferisch hinzu: „Auch nach Obertrubach wird es Angebote der Betriebsseelsorge geben, nur halt an anderen Orten.“ So habe man die Bildungs- und Tagungshäuser Vierzehnheiligen, den Feuerstein oder auch das Bamberger Bistumshaus St. Otto im Blick.

Verlierer der Krise

Doch zurück zu den Denkanstößen der Bundesarbeitsgemeinschaft Arbeitslosenpastoral. So zeigt das Papier auf, dass gerade diejenigen auf der Strecke bleiben, die es schon vor der Krise schwer hatten. Gerade Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien zählten zu dieser Gruppe. Vielen von ihnen sei es aufgrund fehlender oder mangelnder technischer Ausstattung nicht möglich, an den angebotenen Onlineformaten adäquat teilzunehmen. Auch hätten sich viele Betriebe während der Krise vom Ausbildungsmarkt zurückgezogen.
Als weitere „Verlierer“-Gruppen machen die Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft geringfügig Beschäftigte, Künstler und Solounternehmer aus, da bei ihnen das Kurzarbeitergeld nicht greife. Auf Einkommen aus geringfügiger Beschäftigung seien vor allem aber auch Studierende und Rentner angewiesen, die dieses Einkommen dringend für ihren Lebensunterhalt benötigten. „Wir sind um die Verlierer der Krise sehr besorgt“, heißt es in dem Papier. „Wir sehen eine zunehmende Spaltung in Arm und Reich, in hochqualifizierte und prekär Beschäftigte sowie arbeitslose Menschen. Die Entstehung von Parallelgesellschaften zeichnet sich ab.“

Vor diesem Hintergrund werde es nach der Krise wichtig sein, die Unterstützungsleistungen der Lebensrealität der Menschen anzupassen und für eine gute Betreuungsinfrastruktur zu sorgen. Und es wird gefordert: „Bei der Konzeption von Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen müssen die Interessen und vor allem die Fähigkeiten der Teilnehmenden berücksichtigt werden – gerade auch im Hinblick auf die beschleunigte Digitalisierung in der Arbeitswelt. Wir fordern Bildungsgerechtigkeit und gleichwertige Zugangsvoraussetzungen für alle.“
Auf dem Ausbildungsmarkt müssten auch vor dem Hintergrund eines bestehenden und wachsenden Fachkräftemangels Angebote für alle Jugendlichen eröffnet werden, „denn eine abgeschlossene Ausbildung ist die beste Prävention gegen Arbeitslosigkeit“.