Wie soll er seine Familie ernähren?
Interview mit Christina Adam, Arbeitslosenberaterin
Christina Adam arbeitet in Coburg für die Katholische Betriebsseelsorge. Was erlebt sie dieser Tage in ihrer Beratungstätigkeit?
Frau Adam, in Stadt und Landkreis sind, Stand Anfang Mai, fast 20000 Menschen in Kurzarbeit, die Arbeitslosigkeit stieg im Vergleich zum Vormonat um beinahe 30 Prozent. Kommen Sie überhaupt noch hinterher mit Ihren Beratungen?
Christina Adam: Ja, doch, das tun wir. Uns, und da spreche ich für alle unsere Beratungsstellen in der Erzdiözese, ist es wichtig auch und gerade in diesen Krisenzeiten als Ansprechpartner da zu sein. Während der Ausgangsbeschränkungen haben wir unsere Beratungen telefonisch oder per E-Mail angeboten. Mittlerweile sind auch wieder persönliche Gespräche nach Terminvereinbarung möglich. Die vielen coronaspezifischen Anfragen wurden dadurch kompensiert, dass andere Anliegen in den Hintergrund getreten sind, wie etwa Vorbereitungen auf Vorstellungsgespräche.
Kann man von einem Corona-Ansturm sprechen?
Der eigentliche Ansturm steht uns mit Sicherheit noch bevor, spätestens ,sobald die langfristigen Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt deutlich zutage treten. Es ist zu befürchten, dass es zu Massenentlassungen kommt. Im Moment hält sich das noch in Grenzen.
Welche Anfragen konkret erreichen Sie derzeit?
Um Menschen, die durch die Corona-Krise in wirtschaftliche Not geraten sind, den zeitnahen Zugang zu existenzsichernden Sozialleistungen zu erleichtern, wurden im Eilverfahren einige befristete gesetzliche Sonderregelungen beschlossen. Die Anfragen machen deutlich, dass die meisten zwar von solchen Regelungen gehört haben, aber über die Einzelheiten wenig bekannt ist.
Haben Sie schon einmal Vergleichbares erlebt?
In diesem Ausmaß mit Sicherheit nicht. Die Corona-Krise wirft gerade unser aller Leben durcheinander. Manchen zieht sie sogar den Boden unter den Füßen weg. So ist die Arbeitslosenzahl im Land sprunghaft um 300 000 gestiegen, und rund zehn Millionen Arbeitnehmer befinden sich derzeit in Kurzarbeit – gerade im Niedriglohnbereich leider oft ohne Aufzahlung durch den Arbeitgeber. Die wirtschaftliche Not der Betroffenen steigt. Immer mehr Menschen sind auf Hartz-IV als letzte Hilfe angewiesen.
Was macht das mit der Psyche der Betroffenen?
Mit der Not wachsen auch die Sorgen, die Angst und auch die Sprachlosigkeit ob der Brüchigkeit der eigenen Existenz. Nicht wenige werden plötzlich von Fragen umgetrieben, wie sie es bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätten: Was mache ich, wenn jetzt mein Einkommen wegfällt? Wie soll ich meine Familie ernähren? An wen kann ich mich wenden?
Schildern Sie doch bitte einmal einen exemplarischen Fall, mit dem Sie es zu tun haben.
Da ist beispielsweise eine Familie mit zwei Kindern, fünf und acht Jahre alt. Bisher ist sie mit ihrem Einkommen, zusammen knapp 2500 Euro netto, gerade so über die Runden gekommen. Der Ehemann befindet sich nun in Kurzarbeit, die Ehefrau übt ihre Teilzeitbeschäftigung im Einzelhandel weiter aus. Rücklagen, um den Einkommensverlust auch nur vorübergehend auszugleichen, konnten nicht gebildet werden. Neben Miete, Strom und übrigen Fixkosten ist auch noch die Kreditrate für den Gebrauchtwagen abzuzahlen. Das Geld für den Lebensunterhalt reicht vorne und hinten nicht aus. Und keiner weiß, wie lange das so weitergeht und ob nicht am Ende eine Entlassung droht. Neben diesen finanziellen Sorgen sind auch noch die Kinderbetreuung und der Heimunterricht zu stemmen.
Was bedeutet das für das Innenleben der Familie?
Die Sorgen sind allgegenwärtig, die Gedanken kreisen immer wieder um die gleiche Frage: Wie soll das nur weitergehen? Das lässt einen auch nachts nicht zur Ruhe kommen. Die Nerven liegen blank.
Die Menschen, denen Sie begegnen, haben die etwas gemein?
So unterschiedlich die Einzelschicksale auch sind, zwei Dinge sind allen gemeinsam, nämlich die Sorge um die materielle Existenz und massive Zukunftsängste.
Was kann die Katholische Betriebsseelsorge tun, um denen zu helfen, die sich an etwa Sie wenden?
Für die Sorgen und Ängste haben wir ein offenes Ohr und suchen nach Lösungsmöglichkeiten. Wir helfen den Ratsuchenden, sich im Paragrafen-Dschungel zu orientieren und informieren über mögliche Ansprüche. Wir sind behilflich bei der Antragstellung, prüfen Bescheide und unterstützen, wo nötig, auch bei der Rechtsdurchsetzung. Unsere Beratung ist sozialrechtlich fundiert, lösungsorientiert und ganzheitlich. Sie orientiert sich stets an den jeweiligen Bedürfnissen.
Zum Abschluss: Dürften Sie einen expliziten Wunsch an die große Politik richten, der dann auch umgesetzt würde, welcher wäre das? Grundsätzlich die gerechte Verteilung der Mittel und die Beseitigung derArmut. Die Ungleichheit in unserer Gesellschaft tritt auch in der Corona-Krise deutlich zutage: Das von der Bundesregierung beschlossene Sozialschutz-Paket soll vor allem Menschen helfen, die durch die Krise neu in Bedürftigkeit geraten. Leider rücken die Menschen, die bereits viele Jahre lang Hartz IV beziehen und derzeit höhere Kosten haben, in den Hintergrund. Neben älteren Menschen, die aktuell auch keinen Mini-Job ausüben können, um ihre Rente aufzustocken, betrifft dies auch Alleinerziehende und Familien mit Kindern.
Konkret also ...
Kinder können momentan keine Kitas oder Schulen besuchen und erhalten daher kein kostenloses Mittagessen. Sozialverbände und Gewerkschaften fordern deshalb einen Ernährungszuschlag von 100 Euro monatlich für Menschen, die Hartz IV, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung oder Asylbewerberleistungen beziehen. Dies wäre ein kleiner, konkreter, leicht umsetzbarer Wunsch an die große Politik. Leider wurde ein entsprechender Antrag der Grünen im Bundestag inzwischen abgelehnt.
Interview: David Büttner
Die Katholische Betriebsseelsorge Coburg ist unter der Telefonnummer 09561/5110480 zu erreichen.