Zum Nachdenken und Mitmachen: Jörg Amonats Kunstprojekt in Erlangen
Die Würde des Menschen ist (un)antastbar
Gibt es Bereiche in Ihrem Leben, die Sie als besonders würdelos oder auch würdezerstörend betrachten?“ – „Haben Sie das Gefühl, diese Bereiche verändern zu können, und ist es Ihnen schon einmal gelungen?“ – „Was würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen als Ihre persönliche Würde bezeichnen?“ Fragen, die in der Ausstellung „Würdemenschen“ des Berliner Künstlers Jörg Amonat eine Rolle spielen,
die zurzeit in der Erlanger Herz-Jesu-Kirche zu sehen ist.
Doch es ist mehr als eine Ausstellung: „Würdemenschen“ ist ein partizipatives Kunstprojekt, bei dem nicht das Objekt im Mittelpunkt der Betrachtung steht, sondern das Leben selbst, wie es heißt. Das Projekt entstand in den vergangenen Jahren in langen Bearbeitungsphasen, Gesprächen und Workshops, und vor allem dank einer Reihe von Menschen, die bereit waren, sich mit ihrer Würde zu zeigen.
Jörg Amonat ist dafür in Erlanger Schulen gegangen, in Seniorenheime, Hospize, hat mit vielen Menschen über Menschenwürde und das, was sie darunter verstehen, gesprochen. Was nun in
Herz Jesu zu sehen ist, sind 80 mal 60 Zentimeter große Tafeln mit Porträts und Texten, in denen zahlreiche Menschen Auskunft über sich selbst geben – auch zu den eingangs formulierten Fragen.
Das Projekt „ist noch nicht beendet“, sagt der Künstler. Auch in Herz Jesu können Besucher ihre Gedanken formulieren und so zum Teil des Projekts werden.
Ganz persönliche Erfahrung
Ausgangspunkt von „Würdemenschen“ war 2019 in Jena, durch die Städtepartnerschaft zu Erlangen kam Amonat nach Franken. Auch hier befragte der heute 63-Jährige die Menschen nach ihrer „ganz persönlichen Erfahrung der Würde im Alltag“, wie er erzählt. Das ist aus seiner Sicht nicht so einfach, denn Würde sei zunächst ein hochabstrakter Begriff: Jede Frau, jeder Mann glaube zu wissen, was damit gemeint ist, „aber in dem Moment, in dem ich es auf mich beziehe, fange ich zu überlegen an“.
Wie kann der einzelne Mensch die Menschenwürde wahren, in seinem persönlichen Umfeld und in größeren Zusammenhängen? „Jeder Mensch wird genau dazu befragt“, unterstreicht Amonat. Auch dies sei Teil des Projekts. Denn es sei gar nicht so klar, ob die Würde immer da sei oder nur eine temporäre Erscheinung. Darüber könne es die unterschiedlichsten Meinungen geben. „Wenn man die Texte
nachliest, also den Menschen zuhört, kommt diese Vielfalt der Empfindungen und Wahrnehmungen zum Ausdruck.“
In den Texten spiegeln sich Erfahrungen, Beobachtungen, teils ganze Lebensgeschichten der Menschen. Sie schildern Situationen, in denen es um ihr persönliches Würdeempfinden geht,
um ihre Wahrnehmung. Dazu kommen die Fotos: „Selbstbilder“ nennt sie Jörg Amonat. Wie sehen sich die Menschen selbst, vor sich und vor anderen? In welche Umgebung möchten sie
sich stellen? Viele gingen für die Fotos nach draußen, in die Natur, andere stellten sich schlicht vor eine weiße Wand. Auch hier war die Bandbreite groß.
Die „Würdetafeln“ wiederum bilden die Brücke zu den Ausstellungsbesuchern, „die angeregt werden, über sich selbst nachzudenken“, so der Künstler. Ein Gotteshaus scheint ihm ein denkbar
guter Ort für ein solches Projekt: Gerade das Christentum habe einen Zugang zum Thema Würde, durch die Vorstellung der Ebenbildlichkeit des Menschen: „Das ist ein ziemlich klarer Zugang.“